Shuttlemediation - Mediation oder Technik? - Teil II | Fachartikel | Mediation aktuell

Shuttlemediation - Mediation oder Technik? - Teil II

Mediation in der Praxis
Shuttlemediation - Mediation oder Technik? - Teil II
Metapher für Shuttle

Pro und Contra Shuttlemediation: Wie ist dieses Verfahren einzuordnen?  Worin bestehen die Unterschiede zu einer Präsenzmediation mit gleichzeitiger Anwesenheit von Mediator und Medianden?

Lesen Sie nun die Fortsetzung des Fachberichts, der in Teil I die Vor- und Nachteile dieses Verfahrens beleuchtet hat.

Die versierte Praktikerin Silke Winzek (Mediatorin aus Berlin) berichtet in unserem Mediation aktuell-Fachinterview über ihre Erfahrungswerte in der Shuttlemediation.

Frau Winzek, Sie arbeiten seit über drei Jahren als Shuttlemediatorin. Was ist Ihr beruflicher Hintergrund und wie kamen Sie zu dieser Tätigkeit?

»Ich bin seit vierzehn Jahren Rechtsanwältin in Berlin. Bereits während meines Referendariats begann ich mit einer Mediationsausbildung nach den Richtlinien der BAFM. Nach dem Abschluss im Jahre 2001 versuchte ich an Praxisfälle zu kommen und schloss mich mit Kollegen zusammen, um als interdisziplinäre Co-Mediatoren Scheidungsmediationen durchzuführen. Als Mitglied der Berliner Mediationszentrale vermittelten uns Berliner Familiengerichte immer wieder Mediationsfälle. Im Laufe der Jahre stieg die Zahl der Fälle, reichte aber nicht annähernd für ein ausschließliches Arbeiten in diesem Bereich aus. 2010 erfuhr ich zum ersten Mal davon, dass Rechtschutzversicherungen in größerem Umfang Fälle für Telefonmediation vermitteln würden. Ich war zunächst skeptisch und zweifelte, ob dieses Verfahren den Grundzügen der Mediation entspricht. Mittlerweile habe ich fast 3.000 Verfahren durchgeführt und bin von dem Verfahren restlos überzeugt. Ich sehe die Shuttlemediation als eine extrem praxistaugliche, flexible Sonderform der Mediation.«

Welche Konflikte eignen sich nach Ihrer Bewertung für eine Shuttlemediation?

»Jeder Konflikt hat einen Sach- und einen Beziehungsanteil. Ich teile die Konflikte in drei Kategorien ein: In der ersten Kategorie erfasse ich Konflikte mit einem hohen Sach- und einem geringen, fast zu vernachlässigenden Beziehungsanteil, wie sie zum Beispiel bei Problemen aus Kauf- und Werkverträgen oder im Zusammenhang mit Reisen, Bußgeldsachen etc. entstehen. Die beteiligten Parteien haben über den reinen Kontakt beim konfliktauslösenden Ereignis hinaus keine persönliche Beziehung zueinander. Diese Art von Konflikten ist bestens für die Shuttlemediation geeignet. Der Mediator muss vor allem reine Sachinformationen zwischen den Parteien transportieren. Für eine Präsenzmediation wären diese Fälle nur theoretisch geeignet: Den Parteien ist es in der Regel zu aufwändig, sich in einem solchen Fall den organisatorischen Hürden einer Präsenzmediation – z.B. der Suche nach einem örtlich geeigneten Mediator, der Verabredung zu dritt vor Ort - zu unterwerfen. Alternativ würde hier ein streitiges Verfahren in Betracht kommen, das nach dem Scheitern einer Shuttlemediation immer noch offen steht.

Die zweite Kategorie der Fälle zeichnet sich dadurch aus, dass zwischen den Konfliktparteien eine meist geschäfts- oder bereichsbezogene Dauerbeziehung besteht: Darunter fallen Konflikte aus dem Arbeitsleben oder in der Nachbarschaft, Konflikte im Umfeld der Schule und sonstigen Ausbildungseinrichtungen oder Konflikte im Arzt-Patienten-Verhältnis, um einige Beispiele zu nennen. Auch diese Art von Konflikten ist in der Regel für das Verfahren der Shuttlemediation sehr geeignet, da der Grad der bestehenden Beziehung zwischen den Konfliktparteien eher oberflächlich ist. Die Shuttlemediation hilft hier sogar, um die persönliche Beziehung nicht zu belasten bzw. sogar zu stabilisieren und den Konfliktparteien eine Fortsetzung ihrer Geschäftsbeziehung zu ermöglichen. Diese Fälle wären grundsätzlich für eine Präsenzmediation geeignet; in der Regel sind den Parteien aber auch in diesen Fällen die Hürden für ein solches Verfahren zu hoch. In der Praxis findet häufig ein Gerichtsverfahren statt, das die persönliche Dauerbeziehung in der Regel stark belasten, wenn nicht sogar zerstören kann.

Die dritte Kategorie bilden Konflikte mit einem deutlichen Fokus auf die persönliche Beziehung. Intensive, oft langjährige persönliche Beziehungen bilden hier das Grundmuster. Typische Fälle sind die Auseinandersetzungen zwischen Ehegatten bzw. Partnern einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft oder Geschwisterkonflikte, die sich in Erbauseinandersetzungen manifestieren. Auch derartige Fälle werden von den Rechtschutzversicherungen zunächst an einen Shuttlemediator verwiesen. Doch diese Art von Konflikten ist nach meiner Bewertung für eine ausschließliche Telefonmediation nicht geeignet. Der Shuttlemediator wird den Kontakt für erste Einzelgespräche nutzen, den Konfliktparteien das Verfahren der Präsenzmediation nahelegen und herausfinden, ob hierzu eine Bereitschaft beider Parteien besteht. In der Folge werden dann Termine für eine Präsenzmediation vereinbart.

Um meine Arbeit als Shuttlemediatorin transparenter zu machen, führe ich seit einem halben Jahr einen Blog. Jede Woche schildere ich einen anonymisierten Fall aus meiner aktuellen Tätigkeit.«

Können Ihrer Meinung nach die Grundsätze der Neutralität, der Allparteilichkeit und der Vertraulichkeit in der Shuttlemediation gewahrt werden?

»Diese genannten Grundsätze sind als Grundpfeiler auch im Shuttlemediationsverfahren zu beachten. Wie auch bei Einzelgesprächen im Rahmen einer Präsenzmediation, ist hier eine größere Sensibilität des Mediators erforderlich. Während der Shuttlemediation kommt es häufig zu der Mitteilung von vertraulichen Informationen, die der Mediand nur dem Mediator, nicht aber dem Konfliktpartner mitteilen möchte. Dem Konfliktpartner steht das ebenfalls offen. Derart vertrauliche Informationen verbleiben dann auch beim Mediator. Sie helfen ihm, die Hintergründe des Konfliktes besser zu verstehen.«

Ist die Shuttlemediation nun eine Sonderform der Mediation oder sollte man sie als eigenständige Form der Konfliktbearbeitung betrachten?

»Für die Einordnung als Sonderform spricht: Historisch hat sich die Shuttlemediation aus der Präsenzmediation heraus entwickelt. Bei hoch zerstrittenen Konfliktparteien, die sich nicht in einem Raum aufhalten wollten, wurde das Verfahren mit dem Ziel genutzt, sie an einen Verhandlungstisch zu bringen.

Für die Einordnung als eigenständiges Verfahren spricht: Im Shuttlemediationsverfahren fehlt es an der Unmittelbarkeit der Konfliktlösung, weil die Konfliktpartner keinen direkten Kontakt haben. Es werden auch andere Methoden der Konfliktlösung angewandt, wenn der konkrete Fall dies fordert. In arbeitsrechtlichen Konflikten ist z.B. ein Coaching des Arbeitnehmers oft das bessere Mittel der Wahl, um ihn dabei zu unterstützen, seine Probleme selber zu klären. In hierarchischen Arbeitsverhältnissen kann die Einschaltung eines Mediators dem Arbeitnehmer Nachteile bringen, wenn der Arbeitgeber dies als Anmaßung empfindet. Das Ergebnis kann dann ein nachhaltig gestörtes Betriebsklima sein. In einem solchen Fall versuche ich, zusammen mit dem Arbeitnehmer zunächst herauszufinden, ob eine Vermittlung zwischen den Parteien angezeigt ist. Erst wenn der Arbeitnehmer zu dem Ergebnis kommt, dass die Einschaltung eines Dritten den Konflikt eher verschärfen wird und die Einschaltung des Mediators daher nicht angezeigt ist, wende ich mich den Methoden des Coachings zu; dies mit der eindeutigen Konsequenz, dass ein neutrales Tätigwerden zwischen den Parteien danach nicht mehr möglich ist. Diese Art der Konfliktlösung findet aber nur in Ausnahmefällen statt. Ein flexibler, den Umständen des Einzelfalles entsprechender Umgang mit der Wahl des Konfliktlösungsmittels macht für mich die Praxistauglichkeit des Verfahrens aus und ist auch Ursache für die hohe Zufriedenheit der Konfliktpartner mit dem Verfahren.«

Die Shuttlemediation wird oft als nicht lupenreine Mediation bezeichnet, sondern als eine lösungsfokussierte Beratungs- bzw. Coachingform oder eine Schlichtung, ausgeführt mit den Techniken und Methoden der Mediation.
Neigt der Mediator auftragsgemäß dazu, den Medianden interessenorientierte Lösungen anzubieten?

»Eine Shuttlemediation kann eine mehr oder weniger lupenreine Mediation sein, wenn »lupenrein« als »nicht-lösungsfokussiert« definiert wird. Das hängt vom Mediator ab, der sie praktiziert. Auch in der Präsenzmediation gibt es lösungsfokussierte Ansätze und damit eine gewisse Bandbreite von Techniken der Vertreter von mehr oder weniger lösungsfokussiertem Vorgehen bzw. mehr oder weniger »lupenreiner« Mediation. Ich bin auch in der Präsenzmediation Anhängerin eines dosierten Lösungsfokus - und zwar dort, wo er mir angebracht erscheint. Es gibt aber immer die klare Grenze, dass die Lösung für beide Konfliktpartner passen sollte.

Der Shuttlemediator erhält seinen Auftrag in den meisten Fällen von der Rechtsschutzversicherung. Von dieser wird er auch bezahlt. Die Rechtsschutzversicherungen haben im Laufe der Jahre, in denen Shuttlemediationen praktiziert werden, konkrete Vorstellungen entwickelt, wie hoch der Prozentsatz einer erfolgreichen Mediation sein sollte. Diese Zahlen orientieren sich aber an einem Durchschnitt abgeschlossener Fälle. Ein Mediator mit einer gewissen Praxiserfahrung wird diese Quote im Schnitt ohne korrigierendes Eingreifen im Sinne von interessenorientierten Lösungen erreichen können. Im Übrigen wird sich auch ein Präsenzmediator in bestimmter Weise seinen Klienten verpflichtet fühlen, einen positiven Ausgang der Mediation zu erzielen. Man muss sich als Präsenz- und als Shuttlemediator in dieser Hinsicht immer wieder selbst hinterfragen und ggf. auch korrigieren.«

Es lassen sich viele Argumente finden, die für, aber auch gegen die Zugehörigkeit der Shuttlemediation zur Mediation sprechen. Welche Vorteile kann die Shuttlemediation für die Mediation in Zukunft bringen, wenn man sie weiter als Sonderform anerkennt?

»Die Shuttlemediation verhilft der Mediation zu einer größeren Bekanntheit. Eine Konfliktpartei, die schon einmal ein Shuttlemediationsverfahren mit einem positiven Feedback durchlaufen hat, wird in einem geeigneten Konflikt eher auf die Mediation zurückgreifen als jemand, der noch keine Erfahrungen mit dem Verfahren hat.

Und die Shuttlemediation generiert in geeigneten Fällen sogar Präsenzmediationen, wie ich bereits geschildert hatte.

Die Shuttlemediation bietet für Mediatoren ein geeignetes Arbeitsfeld. Wenden sich die Dachverbände von der Shuttlemediation etwa ab, werden andere Berufsgruppen das Feld besetzen. Meines Erachtens bietet ein gut ausgebildeter Mediator die besten Voraussetzungen, das Verfahren sachgerecht durchzuführen.

Die Shuttlemediation ist für die Präsenzmediation keine Konkurrenz. Fälle, die für eine Shuttlemediation geeignet sind, eignen sich in der Regel nicht für eine Präsenzmediation und umgekehrt. Eine friedliche Koexistenz beider Verfahren mit gegenseitiger Nutzung der jeweiligen Vorteile sollte daher möglich sein.«

Das Interview führte Jürgen Heim, Wirtschaftsmediator, Berlin, MA-Redaktion.

 

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