Shuttlemediation - Mediation oder Technik? - Teil III

Mediation in der Praxis
Shuttlemediation - Mediation oder Technik? - Teil III
Metapher für Shuttle

Die Unterschiede, Vor- und Nachteile der Shuttlemediation wurden in Teil I dieses Fachartikels untersucht, die Erfahrungswerte einer versierten Praktikerin in Teil II beleuchtet.

Die renommierten und langjährigen Mediationstrainer Jack Himmelstein und Gary Friedman gehören zu den Wegbereitern der Mediation in Deutschland. In ihrer Eigenschaft als Rechtsanwälte und Mediatoren forschen und lehren sie seit mehr als dreißig Jahren über neue Methoden der alternativen Konfliktlösung an bedeutenden Universitäten in den Vereinigten Staaten.

Wie bewerten sie die Besonderheiten der Shuttlemediation und wie stehen sie zu den Einzelgesprächen (Caucusing)?

 

 

1. Gefahren bei Shuttlemediation/Einzelgesprächen

Himmelstein und Friedman sehen zwei Gefahrenmomente für eine nachhaltige Streitbeilegung, wenn im Rahmen einer Mediation Einzelgespräche geführt werden.

1.1 Mediator kann zum Richter werden

Durch die Einzelgespräche ist der Mediator der einzige Beteiligte im Mediationsverfahren, der umfassend informiert ist. Die Sichtweise der Gegenseite erfahren die Medianden nur aus zweiter Hand, durch den Mediator; und nur in dem Umfang, in dem der Mediator das Gesagte weitergibt.

Mit diesem umfassenden Wissen liegt es in der Macht des Mediators, ein Ergebnis zu formulieren, welches von beiden Seiten akzeptiert wird. Dabei muss er nicht alle Gründe offenlegen - und darf es ohne Erlaubnis auch nicht -, auf denen ein Ergebnis der Mediation beruhen kann.

Dies widerspricht jedoch dem Verständnis von Mediation, wonach allein die Medianden die Hauptverantwortung für das eigenverantwortliche und selbstständige Finden einer gemeinsamen Konfliktlösung tragen.

1.2 Manipulationen

Zusätzlich bergen sowohl die Shuttlemediation als auch das Caucusing die Gefahr, dass der Mediator die Medianden beeinflusst bzw. dass sie sich beeinflusst fühlen. Der Mediator könnte den vertraulichen Informationsfluss aus den Einzelgesprächen lenken, um eine scheinbar geeignete Lösung zu finden.

Auch dies widerspricht jedoch dem erklärten Ziel der Mediation, dass nur die Medianden das gemeinsame Ergebnis selbstverantwortlich bestimmen sollen.

Diese Manipulationsgefahr ist nach den Erfahrungen von Himmelstein und Friedman akut, unabhängig davon ob der Mediator tatsächlich Einfluss ausübt, ob er selbst beeinflusst wird oder ob beides zusammen zutrifft.

Erfährt der Mediator bei der Shuttlemediation oder in Einzelgesprächen die Verhandlungsstrategie einer Partei oder das Vorhandensein bestimmter Informationen oder Beweise, die die andere Seite noch nicht kennt und die einen günstigen Ausgang vor Gericht vermutlich erhöhen würden, wird es schwierig. Denn häufig wird er aufgefordert, der anderen Seite nichts davon zu erzählen.

Himmelstein und Friedman gehen der Frage nach, was der Mediator mit diesem vertraulichen Wissen anfangen kann, wenn es tatsächlich den Ausgang des Falls beeinflussen könnte.

Der Mediator wird der anderen Seite unter Umständen einen Tipp geben oder einfach so tun, als sei nichts gesagt worden. Die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass der Mediator zur anderen Partei etwa Folgendes sagt:

»Ich habe einige Informationen, die ich Ihnen nicht weitergeben kann, die mich aber zu der Überzeugung gebracht haben, dass sich Ihr Fall sehr viel ungünstiger darstellt und Ihre Position schwieriger durchzusetzen ist, als Sie glauben. Also an Ihrer Stelle würde ich das letzte Angebot der Gegenseite noch einmal ernsthaft überdenken«.

Das ähnelt dem Modell einer Vergleichsverhandlung und verleiht dem Mediator zu viel Macht und Verantwortung für die Konfliktlösung.

Arbeiten die Medianden dagegen in gemeinsamen Sitzungen zusammen, teilen sie dieselben Informationen wie der Mediator. Dadurch können sie den Fortgang der Mediation wesentlich besser beurteilen und haben mehr Kontrolle über das Verfahren. In dieser Konstellation wird sichergestellt, dass der Mediator den Parteien keine unterschiedlichen Botschaften überbringt. Er hat viel weniger Einflussmöglichkeiten und belässt den Parteien und ihren Anwälten mehr Kontrolle und Verantwortung, um eigene Lösungen zu finden.

2. Gründe für Shuttlemediation/Einzelgespräche

2.1 Aufbau einer Beziehung zu den Parteien und Wahrung der Neutralität

Manche Mediatoren weisen darauf hin, Einzelgespräche seien für sie sehr wertvoll, um eine Beziehung zu den Parteien aufzubauen und Verständnis für sie zu entwickeln.

Dies könnte allerdings mit der Neutralität als Mediator kollidieren, falls eine der beiden Seiten bevorzugt wird. Bei gemeinsamen Sitzungen tritt diese Gefahr weniger auf, da alle Beteiligten in der Regel eine hohe Sensibilität entwickeln. Haben die Parteien oder der Mediator selbst den Eindruck, dass der Mediator eine der beiden Seiten bevorzugt, bleibt dies niemandem verborgen; jeder kann diesen Punkt ansprechen.

2.2 Vermeidung von Konflikten

Einige Mediatoren denken, Konfliktpartnern sei es oft nicht möglich, sich im gleichen Raum aufzuhalten oder auf konstruktive Weise miteinander umzugehen, wenn stark eskalierte Streitigkeiten bestehen.

Himmelstein und Friedman stellen diese Annahme infrage. Nach ihrer Ansicht ist es durchaus möglich, einen Konflikt gemeinsam zu bearbeiten. Sie glauben, dass ein gemeinsames Vorgehen den Beteiligten sogar mehr Möglichkeiten bietet, sich dem Konflikt zu stellen. Sie können durch ihr gemeinsames Verstehen voneinander lernen und den Streit gemeinsam lösen.

2.3 Bequemlichkeit des Mediators

Einen nicht unwichtigen und nur selten genannten Grund für die Anwendung der Shuttlemediation sprechen Himmelstein und Friedman deutlich aus: die Bequemlichkeit des Mediators. Für Mediatoren und auch für Anwälte kann es sehr unangenehm sein, wenn die Parteien mit ihrem eskalierten Konflikt direkt aufeinander stoßen. Das Gespräch mit nur einem Streitbeteiligten erscheint im Vergleich dazu weniger mühsam. Manche Mediatoren und Anwälte sehen sich eher als Konfliktmanager, anstatt den Parteien zu helfen, den Konflikt zu bearbeiten und zu lösen. Für Himmelstein und Friedman besteht die Herausforderung jedoch gerade darin, die Parteien in ihrer gemeinsamen Konfliktbearbeitung zu unterstützen.

Wollen Sie erfahren, welche weiteren wichtigen Gründe Jack Himmelstein und Gary Friedman anführen? Und interessieren Sie sich für den von ihnen entwickelten verstehensbasierten Ansatz der Mediation?

Dann empfehlen wir Ihnen die deutsche Übersetzung des Klassikers von Jack Himmelstein und Gary Friedman:

 Konflikte fordern uns heraus. Mediation als Brücke zur Verständigung (Originaltitel: Challenging Conflict)

 

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(JHeim)