Sieben Thesen zur Arbeit der Fachgruppe Systemdesign im BMWA

Neueste Entwicklungen in der Wirtschaftsmediation
Sieben Thesen zur Arbeit der Fachgruppe Systemdesign im BMWA

Erstes Treffen der BMWA-Fachgruppe Systemdesign in Kassel am 06.12.2014

von Kurt Faller

Kurt Faller

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Professionalisierung der Wirtschaftsmediation

Das Mediationsgesetz hat einen Rahmen zur weiteren Professionalisierung der Mediation - in unserem Fall der Wirtschaftsmediation - geschaffen. Gleichzeitig nimmt die Experimentierfreude der deutschen Wirtschaft im Einsatz von Mediation und Konfliktmanagement zu.

In Zeiten ständiger Veränderungen in den Unternehmen, hoher Unsicherheit in den Märkten und zunehmender Komplexität in den ökonomischen Prozessen gehören Innovationsfähigkeit und Konfliktfestigkeit zusammen und sind bedeutsam, um die Weiterentwicklung und Überlebensfähigkeit von Unternehmen zu sichern. Konfliktfestigkeit heißt konkret: im Unternehmen gibt es Kompetenzen, Verfahren und Strukturen zur Regelung von Konflikten, die den Wertschöpfungsprozess im Unternehmen oder seine Geschäftsbeziehungen nach außen belasten.

Wirtschaftsmediation ist eine Dienstleistung im Kontext wirtschaftlicher Prozesse und organisationaler Rahmenbedingungen. Es sind drei Arbeitsfelder, die sich herausbilden und jeweils eigene professionelle Standards erfordern. Gemeinsam ist allen drei Arbeitsfeldern, dass klassische Mediationskompetenzen allein nicht ausreichen, um erfolgreich in Unternehmen Konflikte bearbeiten zu können. Für eine professionelle Dienstleistung in jedem der drei Arbeitsfelder sind neben der Basiskompetenz in Mediation weitere Fach- und Feldkompetenzen notwendig.

Mediation aktuell: Thesen Fachgruppe Systemdesign im BMWA

Das bekannteste Arbeitsfeld ist die Wirtschaftsmediation als außergerichtliche Alternative zu Rechts- und Schlichtungsverfahren bei Vertragsverletzungen und schwierigen Verhandlungen bei Kauf, Verkauf und Übernahme von Unternehmen. Diese Mediation zwischen Unternehmen (B2B) ist eng verbunden mit der Klärung juristischer Fragen und Arbeiten zur Vertragsgestaltung. In diesem Feld sind vor allem Mediatoren mit juristischem Hintergrund gefragt.

In der innerbetrieblichen Wirtschaftsmediation geht es um Konflikte am Arbeitsplatz, im Team, um Führungsprobleme und Stress in Veränderungsprozessen. Innerbetriebliche Wirtschaftsmediatoren benötigen daher zusätzlich allgemeine Kenntnisse über Strukturen, Abläufe und Prozessdynamiken in Unternehmen und eine gewisse Feldkompetenz in der jeweiligen Branche.

Als drittes Arbeitsfeld beginnt sich nun Systemdesign – die Entwicklung und Implementierung von Konfliktmanagementsystemen - zu etablieren. Systemdesign ist die Kunst, in enger Kooperation zwischen internen Verantwortlichen und externen Mediatoren/Systemdesignern passgenaue Konfliktmanagementsysteme zu entwerfen und im Unternehmen zu implementieren. Mit dem Systemdesign wird der organisatorische und verfahrenstechnische Rahmen für die Anwendung von Mediation im Unternehmen geschaffen. Mediation und systemische Organisationsentwicklung gehen im Systemdesign eine enge Verbindung ein.

2. Der Begriff »Systemdesign«

Wie viele andere Anwendungsbereiche der Mediation entstand auch das Systemdesign in den USA aus den Debatten um das Harvard-Konzept für integrative Verhandlung. William Ury, einer der Autoren des berühmten Buches »Getting to Yes« schrieb 1988 mit Jeanne M. Brett und Stephen B. Goldberg das Buch »Getting Disputes resolved«, zu Deutsch »Konfliktmanagement«. Dabei entwickelten sie den Grundgedanken, die bestehenden Verfahren der Konfliktregelung durch Mediation und interessensorientierte Ansätze zu ergänzen. Dafür verwendeten sie den Begriff »dispute systemdesign« oder »conflictmanagement-systemdesign«, kürzer »systemdesign«.

In der Folge entwickelte sich Systemdesign zu einem eigenständigen Arbeitsfeld in der US-amerikanischen Wirtschaftsmediation. So entstand in der SPIDR (Society of Professionals in Dipute Resolution) der »Dispute Systems Design/Organisation Development Sector (DSD/OD-Sector)« als eigener Fachbereich. Wirtschaftsmediatoren, die auf dieser Basis in Unternehmen Konfliktmanagementsysteme entwickeln, nennen sich »mediator and systemdesigner«. In vielen größeren und kleineren Organisationen wurden in den letzten 20 Jahren Konfliktmanagementsysteme eingeführt. Eine ganze Reihe dieser Projekte wurde gut dokumentiert und wissenschaftlich ausgewertet.

A. Steinbrecher fasst in seiner Promotion zu Systemdesign die US-amerikanischen Erfahrungen folgendermaßen zusammen:
»Mit dem Begriff des Designs kommen die beiden Aspekte des Gestaltens zum Ausdruck: das Konzipieren und das Maßschneidern. Das Designen ist ein bewusster und planvoller, zweckorientierter und kreativer Prozess der Gestaltung und Entwicklung eines Produkts. Abgeleitet von dieser Definition bedeutet das Design eines integrierten Konfliktmanagementsystems ein praktikables, faires, effektives, effizientes und an den Zielen ausgerichtetes System aus komplementären Konfliktbeteiligungsverfahren und streitpräventiven Instrumenten zu konzipieren und auf die Organisationsstruktur und andere internen und externen Rahmenbedingungen des Unternehmens maßzuschneidern.« (Steinbrecher, Systemdesign, 2008:85ff.)

3. Adaption der US-amerikanischen Erfahrungen in D–A–CH

Seit Ende der 90er Jahre haben sich einzelne Wirtschaftsmediatoren mit den US-amerikanischen Erfahrungen beschäftigt. Dabei wurde schnell deutlich, dass diese Erfahrungen aus den USA nicht so einfach übertragen werden konnten. Zu andersartig sind die Unternehmenskulturen und die gesetzlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für die innerbetriebliche Konfliktbearbeitung. Es war notwendig, diese Grundlagen unter den europäischen Bedingungen zu adaptieren und mit den schon vorhandenen wissenschaftlichen Ergebnissen zu verbinden.

Dabei ist vor allem die Pionierarbeit in der Verbindung von Mediation und Organisationsentwicklung entscheidend, die Friedrich Glasl geleistet hat. Ebenso bedeutsam waren die Ergebnisse der systemischen Organisationsberatung von Rudolf Wimmer, Roswitha Königswieser u.a. und die Arbeiten zum »Change Management« von Klaus Doppler.

Das Arbeits- und Betriebsverfassungsrecht schafft gerade in Deutschland spezielle Bedingungen für die innerbetriebliche Konfliktregelung. Verstärkt wurde dies in den letzten Jahren durch die Novellierung des Aktienrechts, das Vorstände und Aufsichtsräte verpflichtet, Risiken für die Wertschöpfung im Unternehmen zu minimieren und präventiv tätig zu werden. Dabei wird Konfliktmanagement als ein Element des Risikomanagements betrachtet.

Die Debatte um Konfliktmanagement in der Wirtschaft hat durch die Arbeit des 2008 gegründeten Round Table der Deutschen Wirtschaft für Mediation und Konfliktmanagement (RTMKM) einen enormen Schub erhalten. Die den Round Table begleitende Studienreihe von PricewaterhouseCoopers und dem Institut für Konfliktmanagement an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt/Oder hat dies verstärkt.
2011 gründeten einige Ausbildungsinstitute der Mediationsverbände BM und BMWA die »Gesellschaft für Systemdesign«. Bei zwei Konferenzen – 2013 an der Ruhr-Universität Bochum und 2014 an der Fachhochschule Frankfurt – wurde Systemdesign einer breiteren Öffentlichkeit vorgestellt.

2014 beschäftigte sich die MV des BMWA ausführlich mit Systemdesign und beschloss, die Fachgruppe Systemdesign zu konstituieren.


Aufgaben der Fachgruppe Systemdesign sind:

 

  1. den Diskurs zum Thema Systemdesign voranzutreiben.
  2. Vernetzung und Austausch für unternehmensinterne Verantwortliche und Wirtschaftsmediatoren, die sich konkret mit innerbetrieblicher Konfliktbearbeitung und der Entwicklung und Implementierung von Konfliktmanagementsystemen beschäftigen, zu schaffen.
  3. Standards für die Ausbildung von Systemdesignerinnen und Systemdesignern zu entwickeln.
  4. Voraussetzungen für die Zertifizierung von Systemdesignerinnen und Systemdesignern im BMWA zu schaffen.

4. Der aktuelle Diskurs um Systemdesign

»Im Systemdesign geht es um die Synthese von Organisationsentwicklung mit der modernen Mediation in einer professionellen Prozessberatung.« (F. Glasl)

Diese Definition benennt prägnant die drei Bereiche des Systemdesigns:

Mediation aktuell: Thesen Fachgruppe Systemdesign im BMWA


1. Eine moderne, organisationsbezogene Mediation

Ziel des Systemdesigns ist es, Unternehmen und Organisationen zu befähigen, die interne Konfliktregelung mit mediativen Formen so zu erweitern, dass Konflikte früher erkannt, erfasst und interessensorientiert bearbeitet werden. Grundlage dafür ist ein Konzept von Mediation, das in der Lage ist, betriebliche Rollen-, Gruppen- und Organisationskonflikte zu bearbeiten.

2. Systemische Organisationsentwicklung

Jede Veränderung des bestehenden Konfliktmanagements einer Organisation ist eine Organisationsentwicklung und muss entsprechend gestaltet werden. Besonders hilfreich dafür ist eine Beraterhaltung, wie sie R. Wimmer als Arbeit im 3. Modus bezeichnet.

Mediation aktuell: Thesen Fachgruppe Systemdesign im BMWA

Entwicklung und Implementierung eines neuen, erweiterten Konfliktmanagementsystems folgen den Grundannahmen und Phasen des Change Management (K. Doppler).

3. Professionelle Prozessberatung

Moderne Mediation und systemische Organisationsentwicklung fließen zusammen in einer Prozessberatung für ein konkretes Konfliktmanagementsystem. Dazu gehören die enge Kooperation von internen Verantwortlichen und externen Beratern, die Analyse der Konfliktfestigkeit, der Entwurf eines Systemdesigns, die Ausbildung von Konfliktlotsen und internen Mediatoren und die Erprobung und Implementierung eines KMS.

Für diese Prozessberatung liegen zwei Modelle vor, die Handlungsanleitung vermitteln: das Viadrina- Komponenten-Modell (L. Kirchhoff) und die Systemdesign-Schleife (K. Faller).

2015 wird der Diskurs um Systemdesign eine neue Dynamik gewinnen. Die Fachgruppe Systemdesign des BMWA wird sich aktiv daran beteiligen und das Gespräch mit den anderen Diskurspartnern suchen.

Das sind vor allem:

  • die Kolleginnen und Kollegen in den Mediationsverbänden in D–A-CH
  • die anderen Institutionen, Verlage und Medien, die sich mit Mediation befassen
  • der Round Table der Deutschen Wirtschaft für Mediation und Konfliktmanagement
  • Institutionen und Medien, die sich mit dem Thema Organisationsentwicklung beschäftigen.


Als erstes erstellt die Fachgruppe eine Liste der Veranstaltungen 2015, bei denen das Thema Systemdesign angesprochen werden kann.

Bisher geplant sind:

  • 3. Konferenz Systemdesign »Technologische Transformation, zukunftsfähige Organisationen und Konfliktmanagement« am 18.04.2015 in Nürnberg
  • Konferenz »Konfliktmanagement im Ruhrgebiet – 15 Jahre Wirtschaftsmediation an der Ruhr-Universität Bochum« am 06.11.2015 in Bochum.

5. Verfahrensordnung zur Innerbetrieblichen Konfliktbearbeitung

Die Professionalisierung der Wirtschaftsmediation erfordert im BMWA differenzierte Standards für die einzelnen Arbeitsfelder und eine stärkere fachliche Vernetzung im Verband.

Die Mediationsordnung (Verfahrensordnung Mediation) des BMWA vom 12.11.2012 hat sich als eine wichtige Orientierung für Kunden und MediatorInnen erwiesen und in der Praxis bewährt. Allerdings bezieht sie sich in erster Linie auf die Konfliktregelung zwischen Unternehmen (B2B) und auf die externe Mediation. Auf der Grundlage der bestehenden Verfahrensordnung erarbeitet die Fachgruppe Systemdesign eine spezielle Verfahrensordnung für die innerbetriebliche Konfliktbearbeitung, die auch die Arbeit der internen Mediatoren einbezieht.

Schwerpunkte einer Mediationsordnung für die innerbetriebliche Konfliktbearbeitung sind:

  • die erweiterte Verantwortung der Mediatoren für Medianden und System
  • die Besonderheiten der innerbetrieblichen Wirtschaftsmediation wie das Primat der internen Bearbeitung und das beständige Suchen nach der Balance zwischen der Integration in die Strukturen und der Vertraulichkeit des Verfahrens
  • die eigenständige Bedeutung der Vorphase der Konfliktbearbeitung (Kooperative Auftragsgestaltung, Erarbeiten der Settings, Vertragsgestaltung)
  • Techniken und Verfahren zur Konfliktregelung in Rollen-, Gruppen- und Organisationskonflikten
  • die Bedeutung der Konfliktkonsolidierung und der Integration der Ergebnisse in die Regelarbeit
  • die Konfliktauswertung
  • die Weiterentwicklung des bestehenden Konfliktmanagements

 

Sinnvoll ist auch eine stärkere Vernetzung der internen und externen WirtschaftsmediatorInnen auf der regionalen Ebene. Dafür entwickelt die FG Systemdesign ein Beratungskonzept, das im Jahre 2015 in Kooperation mit den Regionalgruppen von BM und BMWA und anderen Institutionen (Wirtschaft, Gesellschaft, Kirchen, Gewerkschaften) umgesetzt wird.

6. Die Ausbildung zum/r Systemdesigner/in

Um Unternehmen und Organisationen in der Entwicklung von Konfliktmanagementsystemen beraten und begleiten zu können, sind Grundkenntnisse in Mediation notwendig, aber keineswegs ausreichend. Kenntnisse und Erfahrungen in systemischer Organisationsberatung gehören unabdingbar dazu. Für eine professionelle Prozessberatung ist es auch sinnvoll, die Schritte der Auftragsgestaltung, der Entwicklung und Implementierung eines Konfliktmanagementsystems entlang der Systemdesign-Schleife zu kennen und die dazu notwendigen Instrumente und Techniken der Umsetzung zu beherrschen.

Die unterschiedlichen Rollen, die für den/die Systemdesigner/in zu erlernen sind, hat W. Ury in seiner prägnanten Art schon früh beschrieben:
»Im Umgang mit den Konfliktparteien spielen Sie als Systemdesigner zusätzlich zu den Rollen des Experten, Schlichters und Unterhändlers noch die Rollen des Lehrers, des Statistikers und Wanderpredigers. Sie fungieren als Experte, wenn Sie das bestehende System analysieren und mögliche Alternativen in Erwägung ziehen. Als Schlichter versuchen Sie Vereinbarungen zu Systemänderungen zu erzielen. Sie verhandeln mit Konfliktparteien, um sie von der Annahme der Veränderungsvorschläge zu überzeugen. Indem Sie den Parteien zu Anfang helfen, das neue System zu benutzen, wirken Sie aufgrund der Zusammenarbeit als Lehrer. Sie unterstützen sie dabei, ihre Fertigkeiten zu entwickeln, muntern sie auf, wenn Vereinbarungen nicht erzielt werden können. Durch die Systembewertung helfen Sie darüber hinaus den Parteien festzustellen, wie gut es funktioniert und welche Anpassungen durchgeführt werden sollten. Bei der Verbreitung spielen Sie als Systemdesigner wiederum eine andere Rolle – die des Wanderpredigers.«

An der Ruhr-Universität Bochum wurde daher in den letzten Jahren der Weiterbildende Studiengang »Konfliktmanagement und Systemdesign« zur Ausbildung von Systemdesignerinnen und Systemdesignern entwickelt.
Auch die Grundig-Akademie und andere Ausbildungsinstitute des BMWA bieten eine Ausbildung zum Systemdesigner/in an.

Die TeilnehmerInnen kommen aus drei Bereichen:

  1. Führungskräfte, Personalverantwortliche und Betriebsräte, die in ihren Unternehmen ein erweitertes Konfliktmanagementsystem aufbauen wollen.
  2. Ausgebildete Mediatoren
  3. Ausgebildete Organisationsberater, Coaches und Supervisoren mit Mediationskenntnissen.


In fünf Modulen erarbeitet jede/r Teilnehmer/in ein konkretes Systemdesign für eine Organisation.

Die FG Systemdesign erarbeitet auf der Basis der bisherigen Erfahrungen einen Entwurf zur Ausbildung von Systemdesignerinnen und Systemdesignern und bespricht ihn mit der Zertifizierungskommission und den Ausbildungsinstituten des BMWA.

7. Qualitätssicherung und Zertifizierung

Der BMWA als Verband der Wirtschaftsmediatoren ist prädestiniert dafür, die Qualitätssicherung beim Thema Systemdesign zu gewährleisten. Dazu ist anzustreben, dass der BMWA eine weitere Zertifizierung zur Systemdesignerin BMWA/Systemdesigner BMWA einführt.

Die FG Systemdesign erarbeitet dazu einen Vorschlag.

Zum Autor:

 Kurt Faller
Leiter der Fachgruppe Systemdesign BMWA®

Gründer und Senior Consultant der MEDIUS GmbH.

Seit mehr als 15 Jahren tätig als selbstständiger Mediator, Organisationsberater  und Coach.

Literaturempfehlung 
Faller, Faller: Innerbetriebliche Wirtschaftsmediation
Faller, Faller
Strategien und Methoden für eine bessere Kommunikation
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Details
38,50 €incl. MwSt.
Broschiert, 234 Seiten, im Februar 2014 erschienen