Storytelling in Mediation und Beratung - Teil 2 und Interview

Methoden und Techniken
Storytelling in Mediation und Beratung - Teil 2 und Interview

von und mit Dr. Hanna Milling

Dr. Hanna Milling Mediation aktuell

Das Storytelling, das Erzählen von Geschichten zählt zu den wohl ältesten Traditionen der Weitergabe von Erfahrung und Weisheit.

Die richtige Geschichte, im richtigen Moment zu erzählen, ist eine Kunst. Denn die Geschichte soll den Zuhörer »entführen« und nicht nur seine Vernunft, sondern auch sein Herz und seinen Bauch erreichen.

Die Wirkkraft im Umfeld unserer rational geprägten Gesellschaft wurde Ihnen in Teil 1 dieses Fachbeitrags anhand eines Anwendungsbeispiels demonstriert.

Es stellt sich eine weitere Frage:

Können Geschichten im professionellen Einsatz von Mediation, Konfliktarbeit, Organisations- oder Personalberatung auch zum Umdenken provozieren, Orientierung geben und damit eine nachhaltige Wirkung entfalten?

Manchmal gelingt es, eigene Handlungsmuster und Gewohnheiten scharfsinnig zu analysieren – mit dem rationalen Ergebnis, sie für unerwünscht, kontraproduktiv oder zumindest nicht hilfreich zu erklären. Und dann ertappt man sich doch dabei, immer wieder in eben diese Muster zurückzufallen. Denn die rationale Erkenntnis ist ein erster Schritt. Der Weg zu ihrer nachhaltigen Umsetzung in Verhalten und Haltung aber ein langer Weg.

5. Geschichten als Provokation zum Umdenken

 »Geschichten helfen Kindern einzuschlafen und Erwachsenen aufzuwachen«
(Jorge Bucay).

Im Rahmen des ressourcenorientierten Ansatzes der Mediation gehen wir davon aus, dass Menschen grundsätzlich zur Überwindung und Lösung ihrer Schwierigkeiten und Konflikte imstande sind. Voraussetzung dafür ist das Freilegen eigener Ressourcen. Erst dann kann ein freier Blick für alternative Möglichkeiten und neue Denkwege entstehen. Geschichten können dabei helfen, die Ressourcen für Perspektivwechsel freizulegen und Prozesse des Umdenkens anzustoßen.

Wie kann das gelingen?

Erzählte Geschichten bieten Gegenkonzepte zu bisher gewohnten Denkbahnen. Sie laden den Zuhörer zum Experimentieren mit ungewohnten, weil neuen Perspektiven und Lösungsmöglichkeiten ein. Geschichten können vertraute und gewohnte Gedankengänge, Wünsche und Vorstellungen in einem neuen Licht erscheinen lassen. Bekannte Situationen werden plötzlich unter einem anderen Blickwinkel gesehen. Sie regen gleichzeitig Kreativität, Phantasie und Intuition an und geben uns so Raum für spielerische Suchbewegungen und ungewöhnliche Alternativen zur bisher gelebten »Wirklichkeit«.

6. Geschichten als Orientierung und Speicher

Menschen lernen durch übergreifende Muster: sie übertragen erlebte Erfahrungen bewusst oder unbewusst auf neue Prozesse, auf neue Konstellationen. Das aufmerksame Zuhören einer Geschichte löst unwillkürlich innere Suchprozesse aus.

»Wir beginnen bewusst denkend, zugleich unbewusst, intuitiv erfassend, nach Bezügen zu unserem eigenen Leben, unserer aktuellen Situation, zu unserer persönlichen Geschichte zu suchen.«
(Ed Watzke)

Das Erzählen einer geeigneten Geschichte kann deshalb zu Erkenntnissen führen, die über die rein rationale Ebene hinaus gehen. Somit haben sie eine wesentlich größere Chance, Handlungs- und Haltungsänderungen herbeizuführen. Denn die anschauliche Bildhaftigkeit von Geschichten prägt sich leichter in unser Bewußtsein ein, als lediglich abstrakte Diskussionen. Sie werden in unserem Gedächtnis und Unterbewusstsein gespeichert und können so ihre Wirkung noch lange nach dem Hören weiterentfalten.

(Dr. Hanna Milling)

 

7. Best-Practice-Empfehlungen (Interview)

Im Rahmen eines Fachforums des Deutschen Mediationstages in Jena gab die Autorin Hanna Milling unter dem Titel »Es war einmal... Geschichten als narrative Intervention in der Mediation.« einen Einblick in ihren Ansatz zum Storytelling.

 

Dr. Hanna Milling Deutscher Mediationstag 2015 in Jena

 

Mediation aktuell hatte nach dem Fachforum Gelegenheit für ein zusammenfassendes Interview mit der Autorin.

 

J. G. Heim, Redaktion Mediation aktuell: Frau Dr. Milling, nach Ihren Ausführungen kann die richtige Geschichte im richtigen Moment richtig erzählt, ein effizientes Medium für einen Perspektivenwechsel, für ungeahnte Lösungsansätze und für einen Haltungswandel in Mediation und Konfliktberatung sein.

Was aber genau sind die richtigen Geschichten und der richtige Moment?

Dr. Milling: Wirkungsvolle Geschichten können sowohl aus dem reichen Schatz alter Weisheitsgeschichten, Märchen und Legenden geschöpft werden, als auch aus dem eigenen Leben oder der eigenen Phantasie entspringen. Sowohl die aus dem Leben gegriffenen handfesten Geschichten, als auch die alten Weisheitsgeschichten im Märchengewand können die oben beschriebene Wirkung entfalten. Erstere mögen den Vorteil haben, dass sie weniger Befremden hervorrufen (»Warum erzählt die Mediatorin uns jetzt ein Märchen?«) und der Zugang leichter ist.

Weisheitsgeschichten im Märchengewand haben den großen Vorteil, dass die in Teil 1 des Artikels beschriebene Distanzierungsfunktion deutlicher wirken kann: Das Heraustreten aus dem eigenen Konflikt und das Betrachten der Problematik anhand einer »fremden« Geschichte, die zunächst einmal nichts mit mir zu tun hat, geschehen spielerisch. Die Phantasie wird nicht zuletzt durch die Märchengewänder anderer Welten leichter angeregt.

Wann genau nun aber welche Geschichte erzählt werden kann, dazu gibt es, wie Ed Watzke stets einleuchtend erklärt, keine rationalen, linear-kausalen Regeln. Hier ist die Intuition des Erzählers gefragt, die sich entwickelt, umso mehr man sich selbst auf die Welt von Geschichten einlässt und sich von ihnen berühren lässt.

Im Grunde kann zu jedem Zeitpunkt der Mediation und Beratung auf Geschichten zurückgegriffen werden. Besonders geeignet sind sie jedoch dann, wenn es um die Tiefen des Eisbergs geht, wenn die rein sachliche Berichterstattung nicht weiterführt, wenn der Widerstand gegen das Eintauchen in die (emotionalen) Konflikthintergründe das Gespräch blockiert.

Ich beginne meist mit der Einleitung ...

»Mir fällt da gerade eine Geschichte ein. Möchten Sie sie hören?«


Mediation aktuell: Wie reagieren Ihre Medianden oder Klienten darauf?

Dr. Milling: Im ersten Moment blickt man nach solch einem Vorschlag häufig in erstaunte und fragende Gesichter. Doch habe ich es noch nie erlebt, dass der Vorschlag abgelehnt wurde. Und dann bringt das Erzählen einer Geschichte stets eine spürbare Entspannung in den Raum: Die Klienten lehnen sich zurück und dürfen lauschen. Nach meiner Erfahrung fließt das Gespräch anschließend mit wesentlich größerer Leichtigkeit und Tiefe.

Manchmal ist es auch hilfreich eine kurze Pause nach der Geschichte einzulegen oder eine »verfahrene« Sitzung mit einer Geschichte zu beenden, die die Medianden oder Klienten mit nach Hause nehmen können. Häufig kommen sie dann in späteren Sitzungen selbst auf die Geschichte zurück.

 

Mediation aktuell: Was ist entscheidend und worauf sollte man achten?

Dr. Milling: Damit sich die Hörer auf die Geschichte einlassen können, ist es entscheidend, sie ohne moralisierende Zuschläge und belehrenden Charakter zu erzählen. Dies wiederum setzt voraus, dass die Haltung des Erzählers von Wertfreiheit, Offenheit und Empathie geprägt ist. Bemerke ich, dass ich mich über eine Konfliktpartei ärgere und ihr deshalb eine provokative Geschichte erzählen möchte, sollte ich es bleiben lassen. Stehe ich etwaigen Widerständen und Reaktionen der Konfliktparteien hingegen mit Verständnis und liebevollem Blick gegenüber, kann eine auch provokative Geschichte Wunder bewirken.

Für das Wie des Erzählens, also die Kunst, Geschichten so zu erzählen, dass sie die Zuhörer geistig und emotional in die Welt der Geschichte zu entführen vermögen, gilt wiederum dasselbe, wie für die Auswahl einer geeigneten Geschichte im geeigneten Moment: Wir sind auf unsere Intuition und Phantasie angewiesen. Es ist wichtig, dass der Erzähler mit seinen Worten Bilder, Töne, Geschmack, Gerüche, Empfindungen und Gefühle wachzurufen versteht.

 

Mediation aktuell: Wie kann das gelingen?

Dr. Milling: Wichtig ist, um noch ein weiteres Mal Ed Watzke zu zitieren, die Verwendung der »multisensorischen Sprache« - ein harmonisches Ensemble aus Worten, Stimme, Mimik, Gestik, Blickkontakt, Rhythmus, Tempo und Lautstärke. Die „Conditio sine qua non, wenn Sie nicht bloß linkes Hirn, Vernunft, sondern auch das Herz, Bauch, Gefühl Ihres Gegenübers ansprechen wollen« (Ed Watzke). Dies wiederum setzt ein bildhaftes inneres Erleben des Erzählers voraus.

 

Mediation aktuell: Und wenn man sich das nicht zutraut?

Dr. Milling: Das Erzählen von Geschichten ist für uns heute häufig mit einiger Überwindung verbunden - insbesondere in professionellen Kontexten, in denen wir meinen, dass vornehmlich unsere linke Gehirnhälfte gefragt ist. Wir glauben, es sei unangebracht oder trauen es uns nicht zu, sie angemessen wiederzugeben. Dabei haben wir alle vielmehr Potential und Erfahrung im Geschichtenerzählen als wir glauben. In uns schlummern unzählige Geschichten. Und wenn uns nicht Erwachsene sondern Kinder gegenübersitzen, fällt es uns plötzlich ganz leicht, sie zu erzählen.

Die gute Nachricht: Geschichtenerzählen kann wieder entdeckt und trainiert werden. Umso mehr wir selbst uns wieder auf die Bildwelt von Geschichten einlassen und umso stärker wir auch beim Erzählen von Geschichten selbst in ihre Bildwelt eintauchen, desto überzeugender und wirkmächtiger wird sie beim Zuhörer ankommen.

 

Mediation aktuell: Reagieren Ihre Zuhörer auch ablehnend auf narrative Interventionen?

Dr. Milling: Wie bereits erwähnt, muss man sich beim Vorschlag, nun eine Geschichte zu erzählen, auf leicht irritierte, fragende, vielleicht auch skeptische oder belustigte Blicke gefasst machen.

Hier gilt, was meiner Meinung nach für jede besondere Methode oder Intervention in der Konfliktarbeit gilt: Fühle ich mich als Mediatorin wohl mit meiner Methode und Intervention? Bin ich überzeugt von der Sinnhaftigkeit meines Tuns, werden sich die Konfliktparteien in der Regel problemlos darauf einlassen. Fühle ich mich selbst unsicher, und saust mir beim Einleiten meiner Methode die verunsichernde Frage durch den Kopf, ob das denn nun auch richtig sei, werden die Konfliktparteien diese Unsicherheit spüren und aufgreifen.

Insgesamt erlebe ich kaum Widerstände, wenn es darum geht einer kurzen Geschichte zu lauschen. Das ist in der Regel sogar eine willkommene und entspannende Abwechslung in all der angespannten Konfliktsituation – sogar noch unabhängig davon, ob die Geschichte nun all die oben beschriebene Wirkung entfalten kann und genau ins Schwarze trifft.

Meist ist dies der Fall. Bisweilen nicht. Hier sollte man sich also auch auf Reaktionen wie
»Ok, und was sollte das jetzt? Das hat jedenfalls nichts mit unserer Situation zu tun!« gefasst machen (auch wenn sie wirklich denkbar selten sind). Wunderbarer Weise mache ich die Erfahrung, dass selbst dies ein ausgezeichneter Ansatzpunkt für ein gehaltvolles und weiterführendes Gespräch sein kann.

Ich greife das Gesagte dann schlicht auf ...

»Die Geschichte fanden Sie jetzt nicht gerade passend, weil sie gar nichts mit Ihnen zu tun hat und Ihre Situation ganz anders ist?«

... und schließe die Frage an ...

»Wo genau sind denn die Unterschiede zwischen dem eben Gehörten und Ihrer Situation?«

... und plötzlich sprechen wir darüber, worum es eigentlich geht und wo die Knackpunkte liegen.

Was ebenfalls passieren kann, ist, dass die Konfliktparteien eine ganz andere Botschaft aus der Geschichte herausziehen, als man selbst in ihr gelesen hat. Es ist also sehr wichtig, keine fixen Vorstellungen davon zu haben, wie die Geschichte aufgefasst werden soll. Ihre Deutung hat eben mit dem Deutenden zu tun und legt Ressourcen frei, die in ihm und nicht im Mediator liegen. Genau das macht sie so interessant und gehaltvoll.

Ganz gleich also, welche Botschaften von den Konfliktparteien aus der Geschichte herausgezogen werden und ob sie sich in der Geschichte wiederfinden oder eben gerade nicht: stets geht es im anschließenden Gespräch um etwas Wesentliches, statt sich weiter auf Ersatzschauplätzen abzuspielen und oft entstehen ganz ungeahnte Einsichten und Erkenntnisse.

Deshalb gilt für die Geschichte, was G.C. Gutenberg schon über die Metapher sagte:

»Sie ist weit klüger als ihr Verfasser und weit klüger als ihr Erzähler.«

Mediation aktuell: Frau Dr. Milling ich danke Ihnen für dieses Gepräch.

(Interview geführt von Jürgen G. Heim, Wirtschaftsmediator, Berlin, verantwortlicher Redakteur Mediation aktuell)

 

8. Buchempfehlung


Im Juni 2016 ist das Buch unserer Autorin Hanna Milling

»Storytelling – Konflikte lösen mit Herz und Verstand«

bei uns im Wolfgang Metzner Verlag erschienen, mit dem sie in die Kunst des Geschichtenerzählens einführt und vermittelt, wie Storytelling bei der Lösung von Konflikten helfen kann. Das Herzstück dieses Buches sind 101 Geschichten mit ihren Schlüsselbegriffen. So finden Leserinnen und Leser für den jeweiligen Konflikt schnell die passende Geschichte.

   

 Informationen zum Buch mit Leseprobe


Storytelling im Wolfgang Metzner Verlag

 

Autorin:

Dr. Hanna Milling lebt und arbeitet in Berlin. Als Mediatorin und Coach begleitet sie Menschen bei der Lösung von Konflikten. Als Ausbilderin (BM), Trainerin und Dozentin lehrt sie die Kunst der Konfliktlösung im In- und Ausland. Das Erzählen von Geschichten ist ihre Leidenschaft, die ihre Arbeit prägt.


www.hannamilling.de

 

Veröffentlichungen der Autorin zum Thema »Narrativer Ansatz und Storytelling«:

  • Milling, Hanna (2011): »Es war einmal...Storytelling in Mediation & Beratung«. In: Spektrum der Mediation 42/11, S. 33-36.
  • Milling, Hanna (2012): »Es war einmal...Storytelling als Intervention in der Mediation«. In: Peter Knapp (Hg.): Konfliktlösungs-Tools, Verlag managerSeminare, S. 238 - 245
  • Milling, Hanna (2013): »Der narrative Ansatz in der Konfliktarbeit – Die Arbeit an und mit Geschichten«. In: Konfliktdynamik 4/13.
  • Milling, Hanna (2015):»„Storytelling in der Konfliktarbeit. Eine Konfliktklärung zwischen zwei Parteien – oder wie Hund und Esel über Barrieren helfen.« In: Christina Budde: Mitten ins Herz. Storytelling im Coaching. ManagerSeminare.

 

 

 


Literaturempfehlung 
Milling: Storytelling - Konflikte lösen mit Herz und Verstand
Milling

Eine Anleitung zur Erzählkunst mit hundertundeiner Geschichte

Details
34,95 €incl. MwSt.
Gebunden, 268 Seiten, am 24. Juni 2016 erschienen
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