Storytelling und die Wirkkraft vertrauter Geschichten (Teil 1)

Methoden und Techniken
Storytelling und die Wirkkraft vertrauter Geschichten (Teil 1)

Über die Ermutigungen von Märchen und Erzählungen

von Dr. Hanna Milling

Storytelling Dr. Hanna Milling

Zu den vielleicht ältesten Traditionen der Weitergabe von Erfahrung und Weisheit zählen die Geschichten.

TherapeutInnen und BeraterInn haben ihre Wirkkraft wieder entdeckt und integrieren sie als wichtigen Bestandteil in ihren systemischen und narrativen Kommunikations-, Therapie- und Beratungsansätzen.

Wer also gerade in den Zeiten tiefer Verunsicherung eine geeignete Geschichte im richtigen Moment erzählt, die etwas mit Angst zu tun hat, kann ganz Erstaunliches bewirken. Denn mit der Angst müssen die Menschen aktuell umgehen; sie ist mindestens so ansteckend wie ein Virus und wenn die Panik übernimmt, wird es schlimm.

Wie können Professionelle in Mediationen, Konfliktarbeit, Organisations- oder Personalberatung auch in diesem Kontext auf die Weisheit von Geschichten zurückgreifen?

 

1. Rationales Denken und innere Logik

In unserer Gesellschaft steht das rationale Denken stark im Vordergrund. Wir arbeiten mit rational-kausalen Erklärungsmustern und folgen naturwissenschaftlichen, empirischen, positivistischen und quantitativen Strategien. Die der linken Hirnhälfte zugeordneten Fähigkeiten zu logischen Schlüssen und analytischen Schritten haben die Entwicklung unserer »sekundären Fähigkeiten« stark vorangetrieben. Zwar sind wir in vielen Bereichen mit genau diesen Strategien sehr weit gekommen. Doch bei der Bearbeitung von Konflikten und der Umsetzung von Erkenntnissen stoßen sie bald an ihre Grenzen. »Sie versagen, scheitern, prallen an den Grenzen des Inneren ab« (Watzke)..
Wer diese Ebene des Inneren allein mit kognitiven Methoden aus der Ebene des Äußeren erreichen will, begibt sich auf eine vergebliche Suche – vergleichbar mit der Geschichte von Mullah Nasruddin.

Mullah Nasruddin hat die ganze Nacht mit Freunden gezecht. Auf dem Heimweg stellt er fest, dass er den Hausschlüssel verloren hat. Kurzerhand beginnt er mit der Suche im Lichtkegel einer weit und breit einzigen Straßenlaterne. „Warum suchst Du denn ausgerechnet dort?" fragt ihn ein Vorüberkommender. »Na, weil das die einzige Stelle ist, wo ich etwas sehen kann!"

2. Die Wirkkraft von Geschichten

Uns gelingt es ganz gut, eigene Handlungsmuster und Gewohnheiten »scharfsinnig« zu analysieren. Wir können sie rational für unerwünscht, überholt, kontraproduktiv oder zumindest nicht hilfreich erklären. Und doch ertappen wir uns dabei, immer wieder in eben diese Muster zurückzufallen. Denn rationale Erkenntnis ist das eine. Der Weg zu ihrer Umsetzung in Verhalten und Haltung das andere.

»Als vernunftbegabte Wesen sollten wir Menschen wissen, dass wir uns nicht auf die Vernunft alleine verlassen können.« (Oscar Wilde)

Wollen wir unser Verhalten und Denken in bestimmten Punbkten nachhaltig verändern, muss die Erkenntnis darüber auch auf der Ebene des Inneren, der des »Bauches und des Herzens« angekommen sein. Hier sind die der rechten Hirnhälfte zugeordneten »primären Fähigkeiten« gefragt. Diese Fähigkeit des »Herzens und des Bauches« zu ganzheitlichem Denken, einheitlichem Erfassen, bildhaftem Vorstellen und emotionalen Assoziationen spielt sich im Symbolischen, im Bildhaften ab.

Geschichten sind die »in Sprache gegossenen Bilder«(Peseschkian). Sie öffnen den Weg, um neben der rationalen auch die die emotionale Ebene zu erreichen. Mit diesen Sprachbildern können wir unserer Phantasie und Intuition mehr Raum in bei der Lösung von Konflikten geben.

Wird eine geeignete Geschichte im richtigen Moment erzählt, kann sie, wie das folgende Beispiel zeigt, eine große Wirkung entfalten und sogar nachhaltige Verhaltens- und Haltungsänderungen einleiten. Das Besondere dabei ist, dass Geschichten auf mehreren Kommunikationsebenen gleichzeitig wirken. Sie wenden sich sowohl an die linke, die rationale Gehirnhälfte – an unseren Verstand - aber auch an die rechte, emotionale Gehirnhälfte - an »Bauch und Herz«.

3. »Es war einmal ...« - ein Praxisfall

Es war einmal ein Geschäftsführer, der die Konflikte in seinem Un­ternehmen angehen wollte …

Herr H. wollte etwas gegen die schlechte Stimmung in seiner Firma unternehmen. Es schienen zahlreiche kleine Konflikte und Unzufriedenheiten unter dem Teppich zu schwelen. Die Motivation im Team war spürbar gesunken und die Stimmung zum Davonlaufen. Aber das Tagesgeschäft fraß alle Zeit, »wie soll ich mich denn auch darum noch kümmern!?«.

Herr H. war eigentlich der Meinung, dass seine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen selbstverantwortlich ihre Konflikte und Themen klären sollten. »Wir sind ja hier nicht im Kindergarten und ich bin kein Kindergärtner. Ich möchte selbstständige, verantwortliche Mitar­beiter«. Aber es war offensichtlich, dass die Mitarbeiter die Themen eben nicht angingen. Keiner sprach offen aus, was los war, und die Situation schien sich von alleine einfach nicht zu verbessern. Herr H. rang sich also dazu durch, das Thema in die Hand zu nehmen und einmal aufzuräumen. Er stand sichtlich unter Zeitdruck. »Ich habe leider nur exakt eine Stunde Zeit, dann muss ich zu einem wichtigen Termin«, schob er gleich voran, schilderte kurz und knapp die Situation in seiner Firma und wollte wissen, wie er solch ein »Aufräumen« und »Klären« gut angehen könne.

»Eigentlich haben wir für solche Dinge gar keine Zeit. Wir sind ein kleines Unternehmen. Da wird jede Arbeitskraft auch voll gebraucht.  Aber ich dachte mir, ich nehme jetzt einmal so ein Meeting und erkläre es zu einem außerordentlichen Klärungs-Meeting. Normalerweise nehmen wir uns dafür eine Stunde Zeit -, wir können das ausnahmsweise einmalig auf zwei Stunden ausdehnen«, räumte er ein. »Aber länger geht das einfach nicht, und länger werden meine Mitarbeiter sich auch nicht damit beschäftigen wollen, denn sie müssen ja hinterher die verlorene Zeit im Tagesgeschäft wieder aufholen.«.

Die Anspannung durch Zeitknappheit sprach ihm aus jeder Pore und breitete sich als Energie im Raum aus.

»Kennen Sie die Geschichte von Till Eulenspiegel und dem Kutscher?«, fragte ich ihn und blickte in ein verwirrtes Gesicht. »Ich erzähle sie Ihnen kurz«, fuhr ich fort und fügte nach einem Blick in sein irritiertes und angespanntes Gesicht schmunzelnd hinzu: »Es ist eine ganz kurze Geschichte. Das wird uns nicht viel Zeit rauben. Einverstanden?«. Er nickte mit skeptischem Blick.

Till Eulenspiegel ging eines schönen Tages mit seinem Bündel an Habseligkeiten zu Fuß zur nächsten Stadt. Auf einmal hörte er, wie sich schnell Huf­geräusche näherten, und eine Kutsche hielt neben ihm. Der Kutscher hatte es sehr eilig und rief: »Sag’ schnell – wie weit ist es bis zur nächsten Stadt?« Till Eulenspiegel antwortete: »Wenn Ihr langsam fahrt, dauert es wohl eine halbe Stunde. Fahrt Ihr schnell, so dauert es zwei Stunden, mein Herr.« »Du Narr«, schimpfte der Kutscher und trieb die Pferde zu einem schnellen Galopp an und die Kutsche entschwand Till Eulenspiegels Blick.

Till Eulenspiegel ging gemächlich seines Weges auf der Straße, die viele Schlaglöcher und Stolpersteine bereithielt. Nach etwa einer Stunde sah er hinter einer Kurve eine Kutsche im Graben liegen. Die Vorderachse war gebrochen und es war just der Kutscher von zuvor, der sich nun fluchend daranmachte, die Kutsche zu reparieren.

Der Kutscher bedachte Till Eulenspiegel mit einem bösen und vorwurfsvollen Blick. Dieser aber bot gelassen seine Hilfe an und sagte:

»Eben hiervor wollte ich Euch warnen, mein Herr, aber Ihr wart weitergeeilt, bevor ich auch nur einen zweiten Satz beginnen konnte.«

Herr H. holte tief Luft und stieß einen langen Seufzer aus. Etwas der Anspannung schien aus seinen Schultern zu weichen, die Energie im Raum war ruhiger geworden und mit einem weiteren Seufzer sagte er: »Ich sehe schon, ich sehe schon. Was schlagen Sie vor?«.

Was war geschehen? An dieser Stelle konnte eine Geschichte das bewirken, was alles »Spiegeln« und alle klugen Fragen nicht vermochten. Warum trat diese Wirkung ein?

4. Geschichten als Spiegel und Mittler

Geschichten sind losgelöst von der unmittelbaren Erfahrungswelt des Hörers. Dadurch können sie helfen, eine in mancher Hinsicht veränderte Beziehung zu den eigenen Konflikten zu gewinnen. Sie ermöglichen zum einen, vorübergehend aus dem eigenen Konflikterleben herauszutreten und sich von der eigenen Problemfokussierung zu distanzieren.

Zum anderen erleichtert die bildhafte Darstellung von Geschichten die Identifikation mit ihren Figuren und Handlungen. Der aufmerksame Zuhörer kann nun seine Bedürfnisse auf die Geschichten übertragen. Er wird in die Lage versetzt, die Aussagen der Protagonisten so zu gliedern, wie es seiner momentanen Verfassung, seinen Strukturen und seinen Bedürfnissen entspricht. Wenn dies der Hörer nun mit seiner Geschichte assoziiert, spricht er letztlich über sich selbst, seine Konflikte und Wünsche. Die Geschichte wird zu einem Spiegel, dessen Spiegelbild er reflektieren kann. Denn das Assoziieren zu einer Geschichte fällt wesentlich leichter, als das direkte Ansprechen schwieriger Themen und Verhaltensmuster.

Zudem können Geschichten die Funktion des »Normalisierens« übernehmen: Dem Hörer kann deutlich gemacht werden, wie sehr ähnliche Themen und Probleme auch andere Menschen beschäftigen.

Die Geschichte wird zum Mittler, der eines ermöglicht: in konstruktiven Austausch zu treten - frei von Widerständen und konfliktfokussierten Schutzmechanismen

 

Können Geschichten in Mediation und Beratung auch zum Umdenken provozieren? Welche Orientierung können sie geben, welche Speicherfunktion erfüllen?

Die Antworten hierzu lesen Sie in der Fortsetzung, in Teil 2 des Fachartikels »Storytelling - Wirkkraft vertrauter Geschichten«.

 

 

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Autorin


Dr. Hanna Milling
lebt in Berlin und Chorin. Als Mediatorin und Coach begleitet sie Menschen und Organisationen bei der Lösung von Konflikten. Als Ausbilderin BM, Trainerin und Dozentin lehrt sie seit vielen  Jahren die Kunst der Konfliktlösung im In- und Ausland.

Hanna Milling ist studierte Diplom-Kulturwirtin, hat in Philosophie promoviert (Thema: Das Fremde im Spiegel des Selbst. Deutschland seit dem Mauerfall aus Sicht französischer, italienischer und spanischer Deutschlandexperten).
www.hannamilling.de

 

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Gebunden, 320 Seiten, 2. erweiterte Auflage 2020, im April 2020 erschienen