Streitkultur im Wandel - Konsensuale Verfahren im Fokus des Deutschen Anwaltstags

Rückschau: 11. - 13. Juni: DAT 2015 in Hamburg
Streitkultur im Wandel - Konsensuale Verfahren im Fokus des Deutschen Anwaltstags

Interview mit RA und Mediator Dr. Thomas Lapp

Mediation aktuell: Interview Dr. Thomas Lapp zum DAT 2015

 

Der Deutsche Anwaltstag (DAT) widmet sich seit vielen Jahren auf seinen Tagungen den beruflichen und rechtspolitischen Themen der Anwaltschaft.

In diesem Jahr führte der 66. Deutsche Anwaltstag »DAT 2015« vom 11. bis zum 13. Juni in Hamburg mehr als 1.800 Fachteilnehmer aus Anwaltschaft, Justiz, Politik, Wissenschaft und Presse zu einem  Austausch unter einem besonderen Leitthema zusammen:»Streitkultur im Wandel«.

Die außergerichtlichen Streitbeilegungsverfahren von der Mediation über die Schlichtung bis hin zu den Schiedsverfahren standen im Fokus zahlreicher Einzelveranstaltungen, Plenumsdiskussionen und Arbeitsgemeinschaften.

 

Wachsendes Interesse

Diese Entwicklung zeigt, dass das Interesse der Anwaltschaft an Formen des außergerichtlichen Konfliktmanagements wächst. Die Herausforderungen des Wettbewerbes auf einem umkämpften Markt lassen keinen Stillstand zu: Wer neue Mandate erfolgreich akquirieren will, kommt an modernen Dienstleistungen wie den konsensualen, außergerichtlichen Verfahren für das anwaltliche Portfolio nicht mehr vorbei.

Die Highlights des DAT 2015 im Interview

Mediation aktuell im Gespräch mit Rechtsanwalt und Mediator Dr. Thomas Lapp, Frankfurt am Main., Vorsitzender des Ausschusses Informationsrecht der Bundesrechtsanwaltskammer, des Fachanwaltsausschusses IT-Recht der Rechtsanwaltskammer Frankfurt am Main und des Geschäftsführenden Ausschusses der Arbeitsgemeinschaft Mediation im DAV sowie Vizepräsident des Deutschen Forums für Mediation e. V.

Mediation aktuell: Herr Dr. Lapp, welche Bedeutung hatte aus Ihrer Sicht das Leitthema des 66. Deutschen Anwaltstages in Hamburg?

Dr. Thomas Lapp: Mit dem Leitthema »Streitkultur im Wandel – weniger Recht?« wurde die Funktion des Rechtsanwalts als Begleiter der Mandanten in streitigen Auseinandersetzungen angesprochen. Neben der Aufgabe als Berater und rechtlicher Gestalter ist dies eine zentrale Aufgabe der Anwaltschaft. Gleichzeitig wurden die Bedenken vieler Rechtsanwälte in Bezug auf die »neuen« außergerichtlichen Streitbeilegungsverfahren angesprochen. Dabei ging es einerseits um die berechtigte Sorge, dass insbesondere Rechtsschutzversicherungen versuchen, mit entsprechenden Tarifen Streitigkeiten an der Anwaltschaft vorbei zu lenken. Andererseits ging es auch darum, die Rolle der Anwaltschaft in außergerichtlichen Verfahren wie Mediation zu finden.

Mediation aktuell: Wird nach Ihrer Einschätzung die Akzeptanz der konsensualen Verfahren und dabei vor allem der Mediation in der Anwaltschaft steigen?

Dr. Thomas Lapp: Rechtsanwälte haben in außergerichtlichen Verfahren wie Mediationen andere Aufgaben und eine andere Rolle als gewohnt. Anwaltliche Mediatoren müssen lernen, als allparteiliche Mittler zu agieren. Sie haben die Aufgabe, die Parteien in ihrer Eigenständigkeit zu stützen und sie nicht zu der juristisch »richtigen« Lösung zu führen, sondern den Parteien zu helfen, eine ihren Interessen am ehesten entsprechende Einigung zu finden. Rechtsanwälte, die ihre Mandanten in Mediationen begleiten, sind nicht in die starren Regeln der Prozessordnung eingebunden, sondern können freier für die Interessen ihrer Mandanten streiten. Sobald Rechtsanwälte ihre Rolle auch in Verfahren wie Mediationen erkennen, die Stärkung der Mandatsbeziehung durch diese Tätigkeit erleben und die Möglichkeit auskömmlicher Vergütung sehen, wird die Akzeptanz dieser konsensualen Verfahren steigen.

Mediation aktuell: Gibt es nach Ihrer Einschätzung ein »Ranking« der konsensualen Verfahren hinsichtlich Verbreitung und Akzeptanz?

Dr. Thomas Lapp: Im Hinblick auf Verbreitung und Akzeptanz der Verfahren gibt es nach meiner Kenntnis keine Statistiken. Es gibt Konfliktthemen, bei denen Schiedsgerichtsbarkeit und Schlichtung traditionell eine starke Rolle spielen. Schlichtung ist insbesondere in Tarifauseinandersetzung stark etabliert, während Schiedsgerichtsbarkeit häufig in Verträgen zwischen Unternehmen vereinbart wird. Mediation wird dagegen insbesondere in Familienauseinandersetzungen, Nachbarstreitigkeiten und im Umweltbereich häufig genannt. Die Vorteile der Mediation führen allerdings dazu, dass diese auch in anderen Bereichen zunehmend akzeptiert wird.

Mediation aktuell: Welche Programmschwerpunkte setzte der DAT im Kontext der konsensualen Verfahren? Wurden einige Verfahrensarten besonders beleuchtet ?

Dr. Thomas Lapp: In den Schwerpunktveranstaltungen wurde einerseits auf die Gerichtsschließungen andererseits auf gewandelte Aufgaben der Rechtspflege eingegangen. Daneben widmeten sich die Veranstaltungen teilweise den Verfahren (insbesondere die Arbeitsgemeinschaft Mediation), teilweise der anwaltlichen Tätigkeit bei der Konfliktbearbeitung (Arbeitsgemeinschaft IT-Recht) und den Auswirkungen konsensualer Verfahren auf die Rolle der Anwaltschaft (Ausschuss Berufsrecht und Arbeitsgemeinschaft Mediation).

Mediation aktuell: Welche Veranstaltungen im Hinblick auf die künftige Streitkultur konnten Sie besonders empfehlen?

Dr. Thomas Lapp: Nach der Zentralveranstaltung am Donnerstag konnte die AG IT-Recht den Einsatz digitaler Werkzeuge im Mandat erklären. Anschließend hatte die Veranstaltung »Konfliktlösung 4.0 – Streitschlichtung 2015/2025« am Donnerstag 11.6. wahrscheinlich den innovativsten Blick auf die künftige Streitkultur geboten.

Parallel dazu griff die Veranstaltung »Ende der Anwaltschaft?« den Titel des Buchs des britischen Rechtsanwalts und Publizisten Richard Susskind »The End of Lawyers?« auf und behandelte insbesondere die Sorgen, aber auch Perspektiven der Anwaltschaft.

Am Freitag 12.6. behandelten die Arbeitsgemeinschaften Familienrecht, Mediation und Sozialrecht den Beitrag der Mediation für die Verwirklichung von Gerechtigkeit.

Mediation aktuell: Wie lautet Ihre Prognose zur weiteren Entwicklung der konsensualen Verfahren in der anwaltschaftlichen Praxis?

Dr. Thomas Lapp: Das Bundesministerium der Justiz sollte die Verordnung zur Zertifizierung von Mediatoren alsbald verabschieden. Unabhängig davon sind die Verbände dabei, einheitliche Standards für Ausbildung und Anerkennung von Mediatoren zu erarbeiten und dadurch die Basis der weiteren Verbreitung dieses Verfahrens zu legen.

Mit dem aktuellen Leitthema und der Fülle der unterschiedlichen Veranstaltungen trug der »Deutsche Anwaltstag 2015« dazu bei, auch konsensuale Verfahren in der Anwaltschaft bekannter zu machen und als Mittel zur Lösung von Streitigkeiten zu etablieren.

Herr Dr. Lapp, ich danke Ihnen für dieses Gespräch.
(Das Interview führte Jürgen G. Heim, Leitung Redaktion Mediation aktuell, Berlin.)

Das vollständige Programm des »DAT 2015« können Sie hier noch einmal einsehen oder downloaden


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Interviewpartner:

IT-Kanzlei dr-lapp.de GbR

Dr. Thomas Lapp – Rechtsanwalt und Mediator
Corinna Lapp – Rechtsanwältin und Mediatorin, Fachanwältin für Informationstechnologierecht
geschäftsführende Gesellschafter der IT-Kanzlei dr-lapp.de GbR

Berkersheimer Bahnstraße 5
60435 Frankfurt am Main