Szenen eines Mediatorendaseins: Grisus Auftritt

Humor in der Mediation
Szenen eines Mediatorendaseins: Grisus Auftritt

von Olaf Schulz

kleiner Hund

Recht kurzfristig kam der Wunsch meiner Kollegin Anna, doch BITTE zu einem Trennungsfall hinzuzukommen – der Vater Herr Dahmke (alle Namen geändert) sei am Abspringen und ein Mann wäre vielleicht die letzte Chance, ihn im Prozess einzubinden. Dem Männer‐Mediator in mir schwillt heimlich die Brust – Männer werden doch noch hin und wieder gebraucht und schon sage ich zu. Ein klassischer Trennungskonflikt mit Gerichtsverfahren, mehreren Beratungsversuchen, ein Kind, es gibt Kindeswohlsorgen; mehr Zeit ist nicht, sich darauf vorzubereiten.

Herr Dahmke klingelt zum Einzelgespräch und Grisu, mein kuscheliger kleiner Hund, mein Wundermittel, Türöffner, Herzensbrecher und Menschentröster in Mediation und Therapie begrüßt ihn freudig. Wenig Reaktion, kurzer Blick, ein flüchtiges Streicheln nebenbei – Herr Dahmke ist ganz mit sich beschäftigt. Nun gut. Ankommen, Wasser nehmen und Hinsetzen, er kennt sich schon aus hier. Mit Interesse nimmt er mich als männlichen Mediator wahr – oder ich interpretiere es jedenfalls so, etwas anderes wäre ja auch nicht hilfreich für mich. Grisu steht mit schmachtenden braunen Augen neben seinem Stuhl und checkt, was er von ihm an Zuwendung noch erwarten kann. Wenig. Ein kleines Streicheln – naja, Grisu ist Enttäuschungen gewohnt. Als Nachfahre verwöhnter russischer Schoßhündchen am Zarenhof in Petersburg ist sein ganzes bürgerliches Leben hier eigentlich unter seiner Würde. Fluch der Spätgeborenen...

Unser Mediand berichtet von seinem Erleben, beklagt sich, bewegt seine Fragen und Gedanken, schöpft Hoffnung und kann offenbar das Gespräch gut für sich nutzen. Ich erahne das Aufatmen von Anna neben mir – die Ambivalenz des Vaters tendiert zur Kooperation mit der Kindsmutter, auch wenn die Skepsis noch spürbar ist. Das ist ok. Gute Entwicklung im Gespräch. Ein Gefühl von leichter Zufriedenheit stellt sich ein, die Selbstwirksamkeit reckt den Daumen in die Höhe, sogar der Hund hat es sich seit geraumer Zeit lang ausgestreckt direkt unter den Stuhl von Herrn Dahmke gemütlich gemacht. Ein schwaches Schnaufen signalisiert dem Herrchen Entspannung. Erstaunlich, sonst liegt er eher daneben, davor oder bei mir.

Um die vierzigste Minute herum steht Grisu auf. Na, wird ihm wohl langweilig, sucht nach einem neuen Plätzchen – verständnisvolle Herrchengedanken. Er tappt unterm Stuhl hervor, stellt sich direkt vor die Füße von Herrn Dahmke und... Ich halte den Atem an. Nein, das kann nicht sein! Das darf nicht sein! Aus, hinweg mit Dir fürchterlicher Moment! Herrchens schockierter Unglauben wird eines besseren belehrt: Da steht der Hund, würgt, hustet und spuckt dem gerade ins Lager der Kooperativen gewechselten Herrn Dahmke einen unglaublich großen Haufen genau vor die Füße.

Soviel hat er nie gefressen heute und gestern! – Welch sinnloser Gedanke.

Herr Dahmke ist still geworden.

Das Herrchen füllt sich mit Entsetzen. Oh, wie peinlich... Der heldenhafte Männer‐Mediator verspürt den völlig von Gewaltlosigkeit befreiten Impuls, diesen zum profanen Köter mutierten Hund von der Erde zu tilgen. Neben mir hat es scheinbar zu Atmen aufgehört. – Ein Seitenblick bestätigt die Vermutung, dass Anna wohl bereut, einen Mann, zudem mit Hund, gefragt zu haben – dies nur schlecht kaschiert mit einem gequält verspannten Lächeln. Ok. Disqualifiziert. Als Herrchen versagt, als Mediator alles versaut.

Grisu ist derweil fertig, schüttelt sich und möchte den Raum verlassen. Verständlich. Würd ich auch gern und verspüre den Impuls, ebenso kratzend an der Tür zu hoffen, dass mich jemand befreit.

Herr Dahmke hat die Füße ein wenig unter den Stuhl gezogen und schaut interessiert vor sich auf den Boden: Was er denn gefressen habe, ähm, der Hund?

»Nichts.« Was sage ich denn da!? Offensichtlicher geht es ja wohl nicht... Langsam gewinnen Bilder von Feuchttüchern, Küchenpapier, Taschentüchern in meinem Kopf die Oberhand. Orientierungslos versuche ich mich zu erinnern, wo solche Rettungsmittel wohl zu finden sind, während ich mich kurz in Richtung Haufen bewege und versuche dabei eine Entschuldigung zu formulieren. Sinnlos. Beides. Weder ploppt aus dem Universum plötzlich eine Küchenrolle neben dem Haufen auf, noch kommt etwas Wohlformuliertes aus meinem Mund. Aber wenigstens autenthisch ist es wohl. Hah, das ist Mediation – wir sitzen alle in einem Boot und schaffen gemeinsam eine intersubjektive neue Wirklichkeit. Nur der Köter verstört und steigt aus. Verräter!

Herr Dahmke steht vorsichtig auf. Er geht zum Sidebord, schenkt sich Wasser nach und meint locker: »Kein Problem, kenn ich.«

Ein Hundefreund! Ein Gleichgesinnter, nachsichtig mit der Tierwelt und deren Tücken. Mitfühlend mit Herrchen.

Unterdessen hat sich mein blockiertes Hirn an den Ort der Küchenrolle erinnert und die Beine machen sich auf den Weg dorthin. Aufwischen. Anna hat das Fenster aufgerissen, die Straßenbahn fährt unten vorbei, das Leben geht weiter. Herr Dahmkes Kooperation scheint noch nicht dem Hund nachgeflüchtet zu sein, der sich ins Büro auf das Sofa zurückgezogen hat. Herrgott Grisu, das ist ein Menschensofa! Er kann sein Hundeschicksal eben doch noch nicht akzeptieren.

Minuten später sitzen wir alle wieder. Die Situation, Anna, Herrchen und Mediator sind wieder stabilisiert. Selbst Herr Dahmke scheint versöhnt mit der Mediation. Er fühlt sich verstanden und ist froh, doch gekommen zu sein. Wir vereinbaren weitere Gesprächstermine und Herr Dahmke geht seiner Wege.

Ich sitze und sinne nach: Der Hund spuckt sonst eigentlich nie – es sei denn er ist wirklich krank. Er ist zu wählerisch mit seinem Fressen – eben ein Bolonka.

Beim Aufräumen meint Anna nachdenklich: »Weißt Du, es ist schon interessant, die Mutter und die Kita haben immer berichtet, dass sich das Kind nach dem Umgang mit Herrn Dahmke häufig erbrochen habe...«

Oh, mein lieber kleiner Grisu, was hast Du denn da nur abbekommen? Ok. Du darfst auf dem Sofa liegen bleiben. Aber nur heute...

 

Olaf Schulz

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