Über die Zukunft von Mediation und Beratung - Teil 1

Next Society
Über die Zukunft von Mediation und Beratung - Teil 1

Soziale Nachhaltigkeit und schonende Nutzung unserer Ressourcen

von Univ. Prof. Dr. Rudolf Wimmer

Prof. Dr. Rudi Wimmer

Wie sich der Klimawandel in anderen Teilen der Welt ausprägt, ist auch für die deutsche Wirtschaft relevant. Denn deutsche Unternehmen haben in den letzten Jahrzehnten immer größere Teile ihrer Wertschöpfungskette an Zulieferer in andere Ländern ausgelagert und ihre Beschaffungslogistik zeit-, lager- und kosteneffizient optimiert. Fällt ein Teil der Lieferketten im Geflecht der globalen Wertschöpfung durch klimabedingte oder pandemische Störungen aus, kann dies weitreichende Folgen haben. Auch die Zusammenhänge zwischen der Verbrennung fossiler Rohstoffe und dem ökonomischen Handeln von Menschen, Firmen und Staaten sind komplex.

Wir befinden wir uns auch in dieser pandemischen Krisensituation auf dem Weg in die »next society« - die »nächste Gesellschaft«. Damit verbunden sind Strukturwandel in vielen Bereichen, deren Richtungen zwar noch nicht abschließend festliegen, die aber zu deutlich wahrnehmbaren Verunsicherungen führen.

Daher lautet die zentrale Frage: Muss sich das Verständnis von Führung und Management auch auf diese Komplexität ausrichten?

 

1. Ausgangsbestimmung

Die Verwendung des Begriffs »next society« liegt nahe: Diese Umschreibung kennzeichnet einen Übergang in die Produktions- und Handelsprozesse der »nächsten Gesellschaft«, der zu starken gesellschaftlichen Veränderungen führen wird.

Medien mit ihren reichweitenstarken Verbreitungs- und Veröffentlichungsmöglichkeiten und ihren veränderten Kommunikationswegen treiben diese Entwicklung unverändert an. Sie versetzten unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten in die Lage, sogenannte Funktionssysteme zu verselbständigen und aus anderen Kontexten herauszulösen - z. B. die Wissenschaftssysteme und ihre Wissensbestände aus dem Klammergriff der Religion oder die (privaten) Wirtschaftssysteme und ihre Produktionsabläufe aus den tradierten Feudalstrukturen.

Die Leistungen dieser Funktionssysteme werden nicht durch sie selbst erbracht, sondern durch unterschiedliche Organisationen; so zum Beispiel arbeitsteilig im Gesundheitswesen durch spezialisierte Gesundheitsorganisationen.

Kennzeichnend für unsere moderne Gesellschaft war bisher, dass die einzelnen Systeme - ausgerichtet nach ihrer Funktionalität - differenziert agierten.  Zwar konzentrierte sich die bisherige Rolle von Organisationen in den übergeordneten Systemen wie der Wirtschaft, Politik, Wissenschaft etc. Doch heute nimmt die Komplexität der arbeitsteiligen Strukturierung ständig zu - begleitet von einer Vielzahl weiterer Problemen in Form »kollateraler« Begleiterscheinungen.

Ohne Zweifel erleben wir die ersten Anzeichen struktureller Änderungen für einen möglichen Formwechsel auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene.

2. Formwechsel

Zeitliche und räumliche Schranken werden durch den Prozess der Globalisierung mehr und mehr aufgehoben. Wir erleben das Zusammenwachsen zu einer Weltgesellschaft und die damit verbundenen Spannungen, Gefahren und Konflikte. Diese Weiterentwicklung von lokalen hin zu globalen Funktionssystemen innerhalb nur einer Generation ist in den wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Bereichen besonders gut zu beobachten.

Einer der zentralen Treiber dieser Entwicklung ist die enorme Qualität und Reichweite neuer Verbreitungsmedien und ihrer computerbasierten Kommunikationsmöglichkeiten. Der schnell voranschreitende Prozess der Digitalisierung führt zu tiefgreifenden Transformationswirkungen in unserer Gesellschaft.

Gleichzeitig resultieren aus der Globalisierung unübersehbar tiefgreifende ökologische Gefährdungen unserer Lebensgrundlagenslagen. Wir müssen erkennen, dass unsere hochentwickelte Gesellschaft trotz dieses immensen Wissens immer noch nicht in der Lage ist, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Unter diesem Aspekt wächst das Erfordernis, unser Wachstum – derzeit noch die zentrale Grundlage unserer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik - neu zu definieren und handlungsorientierte Lösungspotentiale zu entwickeln.

Angesichts dieser Entwicklungen werden Lösungsansätze, die über verschiedene Funktionssysteme hinweg auch interdisziplinär ineinandergreifen, immer dringlicher. Um diese Ziele zu errreichen, bedarf es in der Folge auch einer veränderten Funktion von Organisationen in derartigen Prozessen. Weg von einem rein funktional begrenzten Agieren hin zu einem verstärkten Miteinander von netzwerkförmigen Strukturen der Organisationsformen im herkömmlichen Sinne. Dies stärkt und unterstützt die dringend erforderliche Leistungsfähigkeit.

Wir müssen also die Bereiche Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Umwelt, Gesundheit etc. und ihr Verhältnis zueinander neu überdenken.

3. Neubestimmung

Auf der Makroebene der Wirtschaftssysteme haben wir in jüngster Vergangenheit die Gefahren einer globalen Wirtschaftskrise erlebt. Hier besteht die Notwendigkeit, globale Koordinationsmechanismen zu stärken, um systemische Risiken des Finanzsystems einzudämmen.

Folgerichtig ist die Wiederherstellung eines »gesunden« Verhältnisses von Finanz- und Realwirtschaft zu fordern. Es müssen dezidiert tragfähige Spielregeln für die internationalen, wirtschaftlichen Verflechtungen aufgestellt werden, die den neuen Gewichten auf globaler Ebene Rechnung tragen. So kann beispielsweise eine regulatorische staatliche Steuerpolitik die destruktiven Seiten eines Standortwettbewerbs disziplinieren.

Zu welchen Konsequenzen führt dies nun für das Funktionsverständnis von Organisationen wie Unternehmen, öffentliche Verwaltung, Krankenhäuser, Universitäten etc.?

4. Konsequenzen

Als Konsequenz dieser Veränderungen sind Sinn und Zweck von Unternehmen neu zu überdenken. Wir müssen uns von der Idee einer reinen Gewinnoptimierungsmaschine verabschieden. Vielmehr ist der eigene Verantwortungshorizont des Unternehmens im Sinne eines breiteren Verständnisses von Wertschöpfung zu stärken und zu erweitern.

Die Forderung lautet: Weg von einer reinen Gewinnmaximierung hin zur Beachtung des Gedankens der sozialen Nachhaltigkeit im globalen Kontext und ein neuer Umgang mit Wachstumsanforderungen und der Nutzung von Ressourcen. Diese strategische Neupositionierung führt auch in der staatlichen Verwaltung zu einer neuen Richtung der konsequenten Wirkungsorientierung.

...

(Was sind die wesentlichen Schlussfolgerungen für die Gestaltung von Organisation, Führung und Management? Welche Folgen sind für BeraterInnen und Mediatorinnen besonders relevant? Wo liegen hier zukünftig die Chancen für Beratung und Mediation?

Die Antworten auf diese Fragen lesen Sie in der Fortsetzung - Teil 2 - dieses Beitrags.)

 

Autor

Univ.-Prof. Dr. Rudolf Wimmer

Professor für Führung und Organisation am Wittener Institut für Familienunternehmen an der Universität Witten/Herdecke, Mitgründer und Gesellschafter der osb Wien Consulting GmbH sowie einer der Gründer des Managementzentrums Witten.

Aktuelle Forschungsschwerpunkte zu den künftigen Überlebensfragen von Familienunternehmen, insbesondere zu den speziellen Herausforderungen der Digitalisierung.


 

Unsere Empfehlung:

Lassen Sie sich über den Erscheinungstermin der Fortsetzung informieren und abonnieren Sie hier den kostenlosen MA-Newsletter.

 

 

Literaturempfehlung 
Zanolli: Vom guten Umgang mit Differenzen
Zanolli

Mediatives Denken

Details
14,80 €incl. MwSt.
Gebunden, 96 Seiten, im Juni 2020 erschienen
Kerntke: Wie Ziegen und Fische fliegen lernen
Kerntke

Die Entwicklungskraft von Konflikten in Unternehmen

Details
29,90 €incl. MwSt.
Gebunden, 155 Seiten, im August 2018 erschienen
Faller, Faller: Achtsames Management
Faller, Faller

Führungskompetenzen in Zeiten hoher Komplexität

Details
39,95 €incl. MwSt.
Gebunden, 344 Seiten, im März 2018 erschienen