Verschwörungstheorien- eine neue Welle der Pandemie?

Krisen- und Konfliktkommunikation
Verschwörungstheorien- eine neue Welle der Pandemie?

Anleitungen für den Umgang mit Protagonisten und Anhängern

Jürgen Heim

Jürgen Heim

Verschwörungstheorien haben gerade Hochkonjunktur. Seit Beginn der massiven Einschränkungen durch die Corona-Pandemie gelangen die unterschiedlichsten Verschwörungstheorien in den Fokus der Öffentlichkeit - tausendfach verbreitet über soziale Netzwerke und Messenger.

Nicht nur religiöse Fanatiker und Rechtsextreme verstärken sie, sondern auch Menschen, die offenbar verunsichert sind. Die Folgen sind real und durchaus gefährlich: Wenn Protagonisten nicht nur virtuell, sondern auch in Demonstrationen dazu auffordern, sinnvolle Sicherheitsmaßnahmen zu missachten, gefährden sie sich und andere. Wenn sie Hass auf Minderheiten schüren und zu konkreten Gewalttaten anstiften, geht von dieser Form der Radikalisierung ein erhebliches Gefährungspotential aus. Radikalisierte sind für ihr Gegenüber kaum noch wiederzuerkennen: Wer vorher ruhig und zurückhaltend war, tritt plötzlich laut und zornig auf; Freundschaften, die vorher wichtig waren, werden nicht mehr erwähnt; wer reflektiert und kritisch war, sieht plötzlich überall Verschwörung und düstere Mächte.

Was tun? Wie können wir am besten mit Menschen umgehen, die in eine extreme Richtung abzudriften drohen? Sollen wir sie ignorieren, gegen sie protestieren oder mit ihnen kommunizieren? Welche Kompetenzen könnten helfen?

1. Angst und Radikalisierung

Bei der Suche nach möglichen Ursachen für diese Verschwörungstheorien spielt oftmals Angst eine zentrale Rolle. Sie kann als Triebfeder vor allem für ältere Menschen dienen, die sich bedroht fühlen. Manche haben bereits in der DDR oder anderen Diktaturen ihre Erfahrungen mit staatlicher Kontrolle in totalitären Systemen gesammelt. Oft sind es Personen in schwierigen Lebenssituation, die ihren Arbeitsplatz und ihre Verdienstmöglichkeiten verloren haben oder mit einer schweren Krankheit konfrontiert sind. Verschwörungstheorien bieten dafür eine gewisse emotionale Entlastung. Durch die Echokammern des Internets werden diese Tendenzen und Anfälligkeiten noch verstärkt.

Die Gefahr der Radikalisierung, die von Verschwörungstheoretikern und deren Anhängerschaft, aber auch von politisch Extremen ausgeht, ist mitunter groß. Der Schlüssel zur Lösung dieses Problems liegt oftmals in den Händen von Familienmitgliedern und engen Freunden. Sie haben aufgrund ihrer Nähe die Chance, Radikalisierungstendenzen frühzeitig zu erkennen und zu handeln, bevor Betroffene für sich oder andere zur Gefahr werden. Deswegen arbeiten Akteure wie Women without Borders oder GIRDS (German Institute on Radicalization and De-Radicalization Studies) seit Jahren mit Familien, im Speziellen mit Müttern, als mächtige Allianzen gegen Radikalisierung.

Die Macht von ideologischem Missbrauch in der Gesellschaft wird immer noch unterschätzt. Zwar wurden 2019 in Deutschland die Gelder für Präventionsmaßnahmen gekürzt. Doch der Staat darf nicht nur mit Verboten und Restriktionen reagieren, sondern muss Bildungsangebote ermöglichen. Mehr Beratungsstellen, mehr Psychologen, mehr sensibilisierte Jugendämter werden hier benötigt.

 

2. Information und Aufklärung

Viele machen gerade die Erfahrung: Freunde und Angehörige versenden Links und Videos mit dubiosen Inhalten herum. Wie können wir als Empfänger reagieren? 

Zur eigenen Information sollte geklärt sein: Von wem kommt das Video? Sind die Quellen verifizierbar? Ist es professionell produziert und lässt sich einer seriösen Nachrichtenquelle zuordnen. Oder ist es laienhaft gestaltet? Sind die entsprechenden Informationen im Internet überprüfbar? Gibt es ein Impressum mit Angaben des Urhebers?  Oftmals helfen eine Vielzahl seriöser Online-Seiten, die verdächtige Informationen und ihre Quellen im Rahmen sogenannter Faktenchecks überprüfen.

Bekannten und Freunden, die diese Nachrichten verteilen, können »W-Fragen« gestellt: »Wieso sollten die das machen? Warum glaubt Ihr das? Mit welchen Mitteln könnte dies umgesetzt werden?«

Nach den Ergebnissen der Mitte-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung glauben immerhin 46 Prozent der Deutschen an »geheime Organisationen, die Einfluss auf politische Entscheidungen haben«. Auch mit derartigen Fragen kann der Nährboden von Verschwörungstheorien ausgetrocknet werden.

 

3. Kommunikation und Wertschätzung

Hat sich die Verschwörungstheorie zu einem gefestigten Weltbild entwickelt, werden nüchterne Richtigstellungen als besserwisserische Behauptungen, im Zweifel als Angriff und als Widerspruch zur Bestätigung des eigenen Glaubens gewertet.

Bei derartigen Konflikteskalationen kann der Versuch einer empathisch geführten Kommunikation hilfreich sein. Die Bereitschaft, der anderen Konfliktpartei genau zuzuhören und das Gehörte, deren subjektive »Wahrheit«, wiederzugeben, ist ein wichtiger Anfang. Dieses Zuhören und Wiederholen kann sich zu einer anstrengenden Zumutung entwickeln, wenn es den Kommunikationsbeteiligten aufgrund der Faktenlage widerstrebt, die Positionen und Darstellungen des anderen ohne eigene Bewertungen oder Kommentare zu wiederholen. Doch nach und nach wird der Einstieg trotz eigener Bedenken gelingen, wenn pauschale Abwertungen und Verurteilungen vermieden werden.

Ebenso kann es hilfreich sein, mit Ich-Botschaften zu kommunizieren, um auch eigene emotionale Grenzen zu zeigen: »Ich fühle mich überfordert. Ich bin erschrocken und traurig. Ich bitte dich, dass du in meiner Gegenwart so etwas nicht sagst. Ich bitte dich, auch auf meine Gefühle Rücksicht zu nehmen.«

Ebenso hilfreich ist es, mit diesem demonstrierten Respekt das emotionale Verstehen zu stärken und die gegenseitige Wertschätzung zu unterstreichen. Wer mit Besonnenheit reagiert, Verständnis für mögliche fragile Umstände des Gegenübers zeigt und ggfls. an gemeinsam erlebte, schöne Momente erinnert, unterstützt aktiv diese Wertschätzung. Mit diesem beginnenden Perspektivwechsel kann langsam ein gewisses Maß an Vertrauen in einer empathisch geführten Kommunikation, einem respektvollen Dialog aufgebaut werden.

Diese Kommunikationsprozesse brauchen Zeit und können auch unterbrochen werden. Wird das Thema wieder impulsiv auf radikale Inhalte gelenkt, kann die Bitte helfen, später noch einmal darüber zu reden. Reagiert das Gegenüber aggressiv, helfen optional die Fragen: »Was geht gerade in dir vor? Was braucht es, damit du mir vertraust?«

 

4. Externe Hilfestellung

Sollte das Gegenüber Gewalt verherrlichen und sich gegenüber allen Kommunikationsversuchen resistent zeigen, kann eine Radikalisierung bereits fortgeschritten sein. Sind Anzeichen für eine wachsende Bereitschaft zur Durchsetzung extremistischer Ziele erkennbar, die in letzter Konsequenz auch zur Anwendung von Gewalt führen können, sollte die externe Hilfestellung Dritter in Betracht gezogen werden. Zwar wird nur eine kleine radikale Minderheit auch tatsächlich Gewalttaten ausüben, doch derartige Warnzeichen sind zu beachten.

Als hilfreich erweisen sich Informationen über die extremistischen Gruppierungen und ihre Vertreter, deren Theorien übernommen wurden. Denn jede extremistische Szene arbeitet mit nicht befriedigten emotionalen Bedürfnissen, um neue Anhängerinnen und Anhänger anzuwerben und für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

Der Deradikalisierungsexperte Thomas Mücke beschreibt in seinem Beitrag über »Reflektierende Dialoge in der Deradikalisierungsarbeit« - soeben erschienen in der Publikation »Mehr Dialog wagen«, herausgegeben von Dirk Splinter und Ljubljana Wüstehube - seine 30-jährigen Erfahrungen und bietet Hilfestellung im Verein »Violence Prevention Network« an.

Ebenso können KoBeratungsstellen wie EXIT, MBR (Berlin), der Goldene Aluhut oder im Einzelfall die Polizei kontaktiert werden.

 

 

Literaturempfehlung 
Splinter, Wüstehube: Mehr Dialog wagen!
Splinter, Wüstehube

Eine Ermutigung für Politik, gesellschaftliche Verständigung und internationale Friedensarbeit

Details
28,80 €incl. MwSt.
Gebunden, 336 Seiten, Ende Mai 2020 erschienen