Was ist das wirklich Wesentliche in der Mediation?

Praxistipps
Was ist das wirklich Wesentliche in der Mediation?

von Dr. Birgit Keydel

Was ist das wirklich Wesentliche in der Mediation?

Was ist das wirklich Wesentliche der Mediation? – Über diese Frage kann man sicher viel nachdenken und diskutieren.

Im ersten Moment fallen einem dann Punkte ein, wie zum Beispiel: Alle Konfliktparteien kommen an einen Tisch und finden gemeinsam sowie eigenverantwortlich eine Lösung. Die Mediatoren, und Mediatorinnen begleiten die Partei ohne selbst Partei zu sein oder zu werden; sie sind allparteilich, moderieren das Gespräch und strukturieren den Prozess....

Diese Antworten sind richtig, beschreiben aber in erster Linie das Verfahren und „fangen" weniger das eigentliche Wesen der Mediation ein.

Also - was ist nun das Wesentliche?

 

 

Eine Antwort auf diese Frage fand sich recht unerwartet bei der letzten Berliner Mediationswerkstatt im Oktober 2014. Unerwartet deshalb, weil das Thema der Werkstatt »Arbeit mit Gruppen und Teams« nicht unbedingt nahelegte, dass die Teilnehmenden ausführlich über das Wesen von Mediation diskutieren. Und doch ging es bei der Frage, welche Methoden man im Rahmen einer Gruppenmediation nutzen kann und wie man dies von anderen Verfahren (Teamentwicklung, Supervision, OE) abgrenzt, auch um das Wesen von Mediation.

Am Ende der zwei Tage trugen die mehr als 70 Teilnehmer und Teilnehmerinnen ihre Erkenntnisse der letzten zwei Tage in einem »World-Café« zusammen. Dabei wurden sie gefragt: Was ist das Wesentliche der Mediation? Welche Erkenntnisse haben sie in den letzten zwei Tagen gewonnen?

Nach drei Diskussionsrunden an unterschiedlichen Tischen waren schließlich drei Antworten je Tisch möglich.

Eine Antwort war allen gemeinsam: die Haltung.

Die Teilnehmenden waren sich also einig: die Haltung der Mediatoren/innen macht das Wesen von Mediation aus – eine Haltung, die gekennzeichnet ist von Empathie und Menschenliebe (Philanthropie)(näheres dazu siehe unten).

Nur wenn sich die Mediatoren/innen auf dieser Basis mit Neugierde interessieren und offen den Medianden nähern, wenn sie ohne Wertung wahrnehmen, ressourcenorientiert denken und ihre Allparteilichkeit wahren, kann eine Mediation funktionieren, können Konflikte konstruktiv und im Interesse aller Beteiligten gelöst werden.

Spannend waren tatsächlich die einzelnen Attribute, die einer mediativen Haltung zugeschrieben wurden. Sie haben mich im Nachgang noch zum Nachdenken angeregt und dabei geholfen, dieses doch eher etwas unscharfe Wort »Haltung« zu präzisieren und genauer zu fassen.

Beginnen wir mit dem Attribut »Empathie«.

Nur wenn es gelingt, die Bedürfnisse und Gefühle der Konfliktparteien empathisch zu erfassen, können wir deren Interessen tatsächlich verstehen und damit einen Perspektivenwechsel herbeiführen, was wiederum Grundlage für eine konstruktive Konfliktlösung ist. Interessant ist dabei, dass Empathie natürlich mehr meint als »nur« mitfühlen. Es ist gewissermaßen ein Mitfühlen mit professioneller Distanz. Das heißt als Mediatoren/innen müssen wir die Gefühle der anderen nicht nur spüren, sondern zugleich eine gewisse Distanz wahren, um eine professionelle Handlungsfähigkeit zu erhalten. Wir versinken gewissermaßen nicht in den Gefühlen der anderen, sondern nehmen sie wahr, übersetzen sie und ermöglichen so den Perspektivenwechsel.

Das nächste genannte Attribut für eine mediative Haltung war »Menschenliebe«.

Das mag auf den ersten Moment irritierend und wenig zu einem professionellen Kontext gehören, ist aber auf den zweiten Blick sehr zutreffend. Ein Menschenfeind kann nicht mediieren. Nur wenn wir auf der Basis dieser »Menschenliebe« den Menschen, absolut wertschätzend und wohlwollend gegenübertreten – unabhängig davon, wie scheinbar »unmenschlich« sie sich selbst im Konflikt verhalten haben -, werden sich die Konfliktparteien öffnen und uns die konstruktive Begleitung eines Mediationsprozess ermöglichen.

Weiterhin waren Offenheit und Neugierde genannte Attribute.

Nur wenn wir uns tatsächlich für unser Gegenüber interessieren, neugierig auf das sind, was er oder sie weiß, kann und berichtet, wird Mediation möglich. Diese Neugierde ist tatsächlich eine Haltung, die sich abgrenzt von der Position des Besserwissens und alles schon einmal gesehen Habens. Sie ist vielmehr verbunden mit einer Offenheit für neues Wissen, andere Interpretationen, ungewohntes Denken. Erst auf dieser Grundlage kann wirkliches Verstehen geschehen, was wiederum die Möglichkeit eröffnet, dies der anderen Konfliktpartei zu übersetzen. Und damit wird eine wesentliche Voraussetzung für den Erfolg der Mediation, für den Perspektivenwechsel geschaffen.

Der gesamte Prozess des Zuhörens und Übersetzens sollte dabei wertfrei und beschreibend erfolgen.

Diese Attribute einer mediativen Haltung greifen sicher einen der schwierigsten Momente auf. Denn in unserem Lebensalltag haben wir vor allem gelernt, uns mit Wertungen und Vorurteilen schnell zu orientieren und auf dieser Grundlage Entscheidungen zu treffen. Anstelle dieses wohlerprobten Vorgehens nunmehr loszulassen und sich der Welt wieder offen und ohne Wertungen zuzuwenden, verunsichert zunächst. Es braucht daher ein bewußtes Bemühen und viel Übung. Gelingt es aber, dann sind die Ergebnisse überraschend und helfen auch hier wieder, andere Perspektiven einzunehmen und den Perspektivenwechsel zu befördern.

Alle bisher genannten Attribute sind Voraussetzung und Basis für die im Mediationskontext so viel zitierte Allparteilichkeit.

Nur wenn wir uns offen und neugierig, ohne Wertung, zugleich verbunden mit Empathie und Wohlwollen den einzelnen Konfliktparteien nähern, kann uns eine allparteiliche Zuwendung gelingen.

Die zentrale Frage in dieser Debatte um die mediative Haltung ist jedoch, ob und wie man eine solche Haltung überhaupt lernen kann. Die meisten Mediationsausbildungen konzentrieren sich zur Zeit mehr auf das Vermitteln von Methoden und Techniken. Sollte man die Aussage ernst nehmen, dass das eigentliche Wesen von Mediation die Haltung ist, so müsste in der Ausbildung der Fokus sehr viel mehr auf die Haltung gerichtet werden, als dies zur Zeit der Fall ist.

Ein wichtiges Kriterium für die Qualiät der Mediationsausbildung und die zukünftige Arbeit der ausgebildeten Mediatorinnen und Mediatoren.