Wenn Krankheit Konflikte verursacht

Familienmediation
Wenn Krankheit Konflikte verursacht

Mediation im Zusammenhang mit Krankheit in der Familie
von Dr. med. Heinz Pilartz und Sabine Kraus

Wenn Krankheit Konflikte verursacht

 

 

 

 

 

 

 

 

Dieser Artikel mit seinem Fallbeispiel und den Kommentierungen soll Mediatorinnen und Mediatoren motivieren, sich einem Thema zu widmen, das bis jetzt weitgehend unbeachtet ist.

 

 

 

 

1. Mediationsbeispiel: »Vier Geschwister und ihr an Demenz erkrankten Vater«

Eine Sozialpädagogin berichtete von ihrer Beratungsstelle, an der seit Wochen mehrere Geschwister aufgrund der Demenzerkrankung des Vaters Hilfe und Unterstützung suchten. Sie erzählten, als Geschwister hätten sie sich bisher immer gut verstanden; jetzt habe man auf einmal diese belastenden Konflikte innerhalb der Familie. Zeitnah wurde ein Mediationsverfahren organisiert, an der sich alle Geschwister beteiligten.

1.1 Ausgangsituation in der Familie

Der an Demenz erkrankte Vater lebte in einer eigenen Wohnung im Hause des ältesten Sohnes. In letzter Zeit konnte man ihn mit seiner fortgeschrittenen Erkrankung kaum noch alleine zu Hause lassen. Er hatte häufig das Haus verlassen und nicht mehr zurückgefunden. Zum Zeitpunkt der Mediation war er nicht mehr in der Lage, sich um sein Essen oder die Hygiene zu kümmern. Der älteste Sohn fühlte sich und seine Familie überlastet und klagte, dass seine Leistungen für den Vater nicht anerkannt, sondern ständig kritisiert und in Frage gestellt werden.

Die Schwester äußerte hohe Erwartungen an die medizinische Versorgung des Vaters, der neben seiner Demenz an weiteren behandlungspflichtigen Erkrankungen litt. Sie übernahm zwar Verantwortung und organisierte die Arztbesuche, die Medikamentengabe und ähnliche Leistungen. Sie empfand es aber als Zumutung, dass die Geschwister dieser Behandlung offensichtlich keinen so hohen Stellenwert einräumten und sogar formulierten: »Hoffentlich darf Vater bald endgültig einschlafen, sein Leben muss für ihn schrecklich sein.«

Ein anderer Bruder hatte die Zuständigkeit für bürokratische Fragen übernommen und war der bestellte Betreuer für den Vater. Er äußerte die Überzeugung, dass jede andere Lebensform als die Eigenständigkeit für den Vater das Ende bedeuten würde. Die bekannten Schwierigkeiten und Probleme nahm er mit Rücksicht auf die Autonomie des Vaters hin.

Der Vierte im Bunde plädierte für die Unterbringung in einer spezialisierten Einrichtung - auch mit der Begründung, dass dann die ständigen Diskussionen und Abstimmungen mit den Geschwistern enden könnten. Das Schicksal des Vaters sei sein »Pech«; immerhin hätten die Geschwister in der Vergangenheit Vieles möglich gemacht. Aber irgendwann müsse akzeptiert werden, dass die Möglichkeiten der Familie ausgeschöpft und durch die Situation des Vaters alle völlig überlastet seien„
Die vier Geschwister konnten sich nicht einigen, wie und wo der Vater in Zukunft versorgt werden sollte.

1.2 Prämediation

Zu Beginn (»vor«) der Mediation wurden die Geschwister nacheinander befragt, wie sie sich selbst ihr Leben vorstellen würden, wenn sie in eine mit ihrem Vater vergleichbare Lebenssituation kämen. Die entsprechenden Kernaussagen wurden visualisiert und auf einer geviertelten Flip-Chart-Seite präsentiert.

Im Ergebnis hatten die Geschwister sehr ähnliche Vorstellungen. Sie zeigten sich darüber erstaunt und diskutierten lebhaft über ihre unterschiedlichen Wünsche für die Betreuung des Vaters.

1.3 Klärung

Auf der Grundlage dieser unerwarteten Ähnlichkeit stellte jeder Einzelne seine Sichtweise den Anderen vor. Am Ende der Darstellungen wurden alle eingeladen, mit Blick auf die persönlichen Perspektiven die eigenen Positionen zu relativieren. Nachfragen des Mediators, Spiegeln und Doppeln halfen dabei, dass ein Klima großer Verständnis- und Kompromissbereitschaft entstehen konnte.

Dies ermöglichte im weiteren Verlauf, die Einzelsichtweisen zu relativieren und aus den verschiedenen Ansätzen eine gemeinsame Idee zu entwickeln.

1.4 Ergebnisse der Mediation in Kürze

In der fast dreistündigen Sitzung wurden die Verantwortlichkeiten neu verteilt und Unklarheiten geklärt. Der Vater sollte in eine stationäre Einrichtung eingewiesen werden und nicht mehr in der eigenen Wohnung zurückbleiben.
Alle Vereinbarungen wurden in der Folgezeit eingehalten. Der Vater fühlte sich in der stationären Einrichtung wohl.

2. Familie bleibt Familie - Krankheit in Familiensystemen

Durch Krankheiten innerhalb von Familien befinden sich diese Familiensysteme oft in einem labilen Zustand: unterschiedliche Generationen, Lebensabschnitte, Persönlichkeiten und eine Vielzahl bilateraler Einzelbeziehungen treffen aufeinander und verursachen ein komplexes Sozialgefüge. Es stehen unterschiedliche Überzeugungen, Haltungen (auch und besonders in Bezug auf Krankheit), Lebensziele, Ausbildungsniveaus und Bekanntenkreise nebeneinander. Die Mitglieder haben eine sehr lange Beziehung zueinander - mit Verletzungen, schönen Erlebnissen, starken Emotionen und Tabus.

Trifft die Krankheit eines Einzelnen auf ein solches System, kann dieses Ereignis das labile Gleichgewicht stark stören. Eine gute Kommunikation ist dann ohne Konflikte nicht mehr möglich. Nicht selten verhindern reaktivierte Konfliktmuster aus der Vergangenheit passende Lösungen in der Gegenwart. Die Konflikte werden durch Schwierigkeiten und Organisationsaufgaben rund um das Krankheitsgeschehen ausgelöst oder deutlich.

Erfahrungsgemäß verhalten sich einige Familienmitglieder nach eingespielten Rollen, andere haben wie selbstverständlich neue Rollen übernommen. Erste Missverständnisse entstehen, wenn diese Rollenwechsel nicht transparent sind.

In einem solchen komplexen Konfliktsystem kann betroffene Familien mit Mediation eine gute Unterstützung angeboten werden, die Anpassung an die akute Krankheitssituation zu organisieren oder dafür die notwendigen und entlastenden Vereinbarungen gemeinsam zu treffen.

3. Mediation im Gesundheitswesen

Mit Mediation können krankheitsbedingte Konflikte zu einer einvernehmlichen Einigung begleitet und kooperative Wege möglich gemacht werden. Es geht darum, die Lebensqualität aller Beteiligten zu erhalten, unnötige Kosten durch Überforderung oder Fehlentscheidungen zu reduzieren und einen achtsamen Umgang im Familienkreis zu ermöglichen. Schlechte Stimmungen oder schwelende Streitigkeiten zwischen den Angehörigen haben auch auf den Erkrankten negative Auswirkungen.

Das Gesundheitssystem zwischen Arzt, Krankenkasse, Pflege und Beratung bezieht sich fast ausschließlich auf den Patienten. Für betroffene Familien fehlt es im aktuellen Gesundheitssystem an einer professionellen Unterstützung auf der Beziehungsebene. Das Wohlbefinden der Angehörigen und Familien ist jedoch eine Grundvoraussetzung für eine ganzheitlich gute Versorgung des Erkrankten.

Wir sehen die Beratung als notwendig und wichtig an, wenn es um die Anpassung aus der Perspektive des Erkrankten geht. Hat das Krankheitsgeschehen den Gleichgewichtszustand der ganzen Familie durcheinander gebracht, wird in der eingeleiteten Mediation Augenhöhe für alle Beteiligten angestrebt, der Erkrankte erhält keine Sonderrolle. Die veränderte Situation hat Konsequenzen für das Leben aller, damit sind auch die Bedürfnisse aller zu beachten.

Wie gehen wir vor? Entscheidet sich eine Familie für die Mediation, gibt es bei der Formulierung des Mediationsthemas keine Schwierigkeiten: »Die Bedeutung der Krankheit für uns«. Wir haben allerdings die Erfahrung gemacht, dass dieser Satz unterschiedliche Facetten hat: Der Erkrankte bringt damit den Bezug seiner »persönlichen« Einschränkungen durch die »individuelle Erkrankung« zum Ausdruck. Aus der Sicht der Anderen werden die »allgemeinen Einschränkungen« durch die Krankheit thematisiert. Nur wenn diese Themen in dieser Reihenfolge bearbeitet werden, wenn also zunächst die besondere Situation des Erkrankten gewürdigt wurde, kann der Erkrankte auch die Anliegen der Familienmitglieder hören und beachten.

Der Mediator kann Vieles bewegen, da er (in Unkenntnis der Familientabus) Entwicklungen anstoßen kann, die sich ohne seine Unterstützung von außen nur schwer anstoßen lassen.

4. Zugangswege brauchen einen langen Atem

Wir sehen ein gutes Potential für Mediation bei Krankheit, stellen aber noch viele Blockaden und Widerstände gegen die Inanspruchnahme fest.

Ein sind es Tabus oder Familieninternas, die nicht mit Dritten geteilt werden sollen; viele Krankheitssituationen haben mit Scham oder verletztem Selbstwertgefühl zu tun: »Damit muss doch eine gute Familie selber fertig werden.«

Oftmals sind potentielle Medianden nicht bereit, das Neuland Mediation zu betreten - besonders im krisenhaften Zustand. Eine derartige Krise kann zu vielen Veränderungen und Entscheidungen führen. Viele scheuen davor, sich in dieser Ausnahmesituation auch noch auf etwas Unbekanntes einzulassen.
Ein weiterer Grund besteht nach unserer Einschätzung darin, dass im »perfekten Umfeld Medizin« ein neues Angebot auftaucht. Die Vorstellung, was genau Mediation anders macht, fehlt häufig; der Mehrwert ist nicht transparent. Die Verhaltensmuster im professionellen Umfeld sind eingespielt, und selbst wenn Mediation die Überlastung von Ärzten und Pflegern reduzieren kann, wird die Empfehlung selten ausgesprochen.

Manchmal entsteht der Eindruck, dass Konkurrenz erlebt wird oder sich Spezialisten durch das Angebot (negativ) herausgefordert fühlen. »Es kann doch nicht sein, dass Mediation dem Betroffenen und seinen Familien mehr bringt, als das was wir schon alles eingesetzt haben.«
Mediation wird hier als eigenständige Leistung noch nicht anerkannt. Haben Multiplikatoren allerdings Erfahrung mit Mediation gesammelt, nutzen sie das Angebot gerne.

5. Die Herausforderung bei Demenzerkrankungen

Das Besondere von Demenz – wie im dargestellten Beispiel dargestellt - liegt in der Persönlichkeitsänderung. Belastungen und Anforderungen an die Angehörigen sind daher größer als bei anderen Krankheiten.

Betroffene können oftmals in die Entscheidungen nicht einbezogen werden, da die Krankheit ihre Kritikfähigkeit, das Abstraktionsvermögen oder die Selbsteinschätzung gestört hat. Typischerweise fällt es den Angehörigen sehr schwer, selbst Entscheidungen für den Erkrankten zu treffen. Wider besseres Wissen werden die Erkrankten nach ihrer Meinung und Einschätzung gefragt, obwohl allen bekannt ist, dass sie auf eine geordnete und angemessene Antwort vergeblich warten. Die einbezogenen Familienmitglieder kommen erfahrungsgemäß unterschiedlich gut (oder schlecht) mit der Situation zurecht. Oftmals kommt es zu spontanen Entscheidungen Einzelner ohne einen ehrlichen Austausch mit anderen Familienmitgliedern. In der Folge kommt es zu Missverständnissen und vermeintlichen Illoyalitäten sowie erlebten Vertrauensbrüchen. Die Befindlichkeit aller Beteiligten wird negativ beeinflusst: Die eine Seite ist enttäuscht, weil kein Dank für Einsatz und Engagement ausgesprochen wird; die andere Seite beklagt Übergriffe, Entmündigung und (Ent-)Täuschung.

Pflege oder Versorgung eines an Demenz erkrankten Menschen im familiären Kontext ist eigentlich nur möglich, wenn eine gewisse Einvernehmlichkeit zwischen den verantwortenden Familienmitgliedern erzielt werden kann. Liegt diese Einvernehmlichkeit nicht vor, besteht immer wieder Abstimmungsbedarf. Zwar wollen alle nur »das Beste«, die Vorstellungen darüber, können sehr unterschiedlich ausfallen - bis hin zu Fragen der Lebensverlängerung oder Beendigung aktiver medizinischer Maßnahmen.

Durch Krankheit im Allgemeinen und Demenz im Speziellen ist das Gleichgewicht der gesamten Familie belastet. Um diese Belastungen in einem vertretbaren Rahmen zu halten, bietet Mediation die Chance, Unstimmigkeiten zu bearbeiten oder eine von allen Beteiligten tragfähige Strategie zu formulieren. Vertrauen, Verlässlichkeit und Verbindlichkeit können thematisiert, ein Weg in eine partnerschaftliche Bewältigung der bevorstehenden Belastungen aller Beteiligten kann gefunden werden.

Das Thema »Krankheit« ist vielgestaltig und individuell. Jede Familienkonstellation ist anders. Ein Austausch über Wege, Erfahrungen und Schwierigkeiten bei Mediation in Krankheitsfällen ist wünschenswert.

 

Die Autoren

Dr. med. Heinz Pilartz

 

Dr. med. Heinz Pilartz

Arzt | Mediator

www.Forum-M-Pilartz.de

Kontakt@Forum-m-pilartz.de

 

Sabine Krause

 

Sabine Krause

Diplom-Ökonomin
Mediatorin | Trainerin | Coachin

www.KrauseMediation.de

KrauseMediation@email.de

 

 

Literaturempfehlung 
Friedman, Himmelstein: Konflikte fordern uns heraus
Friedman, Himmelstein

Mediation als Brücke zur Verständigung
mit je einem Vorwort von Lis Ripke und Gisela und Hans-Georg Mähler

Details
38,80 €incl. MwSt.
Broschiert, 346 Seiten, im September 2013 erschienen