Wirtschaftsmediation - Evaluation einer Ausbildung

Ausbildung
Wirtschaftsmediation - Evaluation einer Ausbildung

Feldforschung bei der Freiburger Organisationsberatung »Zweisicht«

von Nicole Hartel und Lars Rotter

Freiburger Organisationsberatung »Zweisicht«

Die Angebote an Ausbildungen, Seminaren oder Fortbildungen im Bereich der Mediation haben im letzten Jahrzehnt stark zugenommen. Wissenschaftliche Studien, Erhebungen oder Evaluationen, die Auskunft über die Wirkung und Qualität geben, sind dagegen recht selten.

Aus diesem Grund soll diese Evaluation am Beispiel einer Ausbildung in Wirtschaftsmediation, angeboten von der Freiburger Organisationsberatung »Zweisicht« mit den Schwerpunkten Konfliktmanagement und Zusammenarbeit, Aufschluss über folgende Fragen geben:

  • Wer sind die TeilnehmerInnen?
  • Was sind die Gründe und Motivationen?
  • Wie zufrieden sind die TeilnehmerInnen mit dem Angebot?
  • Wie nachhaltig ist die Ausbildung?

Durchgeführt wurde die Evaluation im Rahmen des Seminars Feldforschung von Professor Doktor Michael Göhlich des Masterstudiengangs Pädagogik mit Schwerpunkt Organisationspädagogik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.

1. Die Ausbildung


Seit dem Jahr 2003 wird die berufsbegleitende Ausbildung in Wirtschaftsmediation von den beiden Geschäftsführern von Zweisicht, Elke Schwertfeger und Christian Bähner, angeboten. Die nach den Standards des Bundesverbandes Mediation e.V. aufgebaute Ausbildung umfasst insgesamt 23 Tage, die in sieben Modulen verschiedene Anteile an Theorie, Mediation, Supervision und Intervision miteinander vereint (vgl. Ausbildungsstandards Bundesverband Mediation).

2. Herangehensweise


Als Evaluationsinstrument wurde ein Onlinefragebogen bestehend aus 36 Fragen entwickelt, um eine höhere Reliabilität der Ergebnisse und zugleich einen geringeren Aufwand für die Befragten zu gewährleisten. Insgesamt konnten alle ehemaligen Teilnehmer der Ausbildungen zwischen 2003 und dem Jahr 2016 befragt (323 Personen). Die Rücklaufquote betrug 46,6 Prozent - eine erfreulich hohe Quote.

Grundlage für die Fragebogenkonstruktion bildet das Vier-Ebenen-Modell nach Donald Kirkpatrick, das gezielt für die Evaluation von externen und internen Trainings und Weiterbildungen entwickelt wurde. Im Mittelpunkt seines Ansatzes stehen die vier Stufen »reaction«, »learning«, »behavior« und »results« (vgl. Kirkpatrick 1960, S. 78ff.), mit deren Hilfe Aussagen über die Qualität und Wirkung einer Aus- und Weiterbildung getroffen werden können. In Anbetracht des zeitlichen und finanziellen Aufwandes lag der Fokus bei der vorliegenden Untersuchung auf der ersten Ebene »reaction«. Hierbei geht es um die Untersuchung der Akzeptanz und Nützlichkeit aus Sicht der Teilnehmer bezüglich verschiedener Ausbildungsaspekte. Auf diese Weise ist es möglich, wichtige Erkenntnisse über die Zufriedenheit der TeilnehmerInnen mit der Ausbildung und somit Aussagen über die Qualität treffen zu können. Wissenschaftlich fundierte weiterreichende Rückschlüsse über stattgefundene Lernprozesse und den Praxistransfer können aus der Erhebung nicht gezogen werden.

3. Ergebnisse


Folgende Erkenntnisse haben sich aus der Umfrage ergeben:

Wer sind die TeilnehmerInnen?

Die Ausbildung setzt sich knapp mehrheitlich aus Frauen zusammen (59%). Das Alter der Befragten liegt meist zwischen 40 und 60 Jahren (= 49,5). Ein Großteil der Befragten gab hinsichtlich ihres Beschäftigungsverhältnisses an, angestellt zu sein (65,2%). Am zweithäufigsten wurde die Selbständigkeit genannt (26,5%). Betrachtet man die Branchen, in denen die Befragten tätig sind, so wurde am häufigsten die Beratung (38,1%), gefolgt von der Kommunikation und Information (28,4%), dem Produzierenden Gewerbe (14,8%) und dem Bereich der Gesundheit und des Sozialwesens (14,2%) genannt.

Was sind die Gründe und Motivationen?

Auf die Frage nach den Motivationen für eine Ausbildung in Mediation wurde am häufigsten angegeben, die Ausbildung als Weiterbildung bzw. Ergänzung für den Beruf gewählt zu haben (61,9%).

Als häufigster Grund für Zweisicht als Anbieter gaben die Befragten an, sich auf Basis persönlicher Empfehlungen (54,2%) entschieden zu haben. An zweiter Stelle wurde der spezifische Schwerpunkt der innerbetrieblichen Wirtschaftsmediation (40,6%) genannt. Das Preisleistungsverhältnis war dagegen nur für wenige Befragte (14,2%) ein Kriterium.

Wie zufrieden sind die TeilnehmerInnen mit dem Angebot?

Die Zufriedenheit wurde auf verschiedenen Ebenen, mittels endpunktbenannten Fünferskalen (1 = Sehr unzufrieden/Stimme nicht zu; 5 Sehr zufrieden/Stimme zu) gemessen. Insgesamt zeigt die Erhebung, dass die TeilnehmerInnen sowohl mit den Inhalten (= 3,62 bis 4,38) als auch mit der Ausbildung im Gesamten (= 4,66) weitestgehend sehr zufrieden waren.

Im Bezug auf die Inhalte lassen sich einige Unterschiede feststellen. So waren die Teilnehmer mit den Basisausbildungsinhalten »Aktives Zuhören« und »Aufbau der Mediation: Phasenmodell« zufriedener, als mit dem weiterführenden »Mediationsrecht« und der »systemischen Organisationstheorie«.

Neben der hohen Zufriedenheit mit der Gesamten Ausbildung gaben die TeilnehmerInnen an, auch mit dem Ausbilderteam (= 4,69) und dem Aufbau der Ausbildung (= 4,57) zufrieden zu sein. Die Gruppenatmosphäre wurde weitestgehend als sehr angenehm (60%) empfunden. Des Weiteren wurden die Erwartungen der Teilnehmer an die Ausbildung bei vielen Personen (71%) voll und ganz erfüllt.

Wie nachhaltig ist die Ausbildung?

Ein weiterer Fokus der Evaluation lag auf der Zeit nach der Ausbildung. So wurde gefragt, ob und wenn ja, wie häufig die Inhalte der Ausbildung sowohl innerhalb als auch außerhalb von Mediationen eingesetzt werden.

Annähernd die Hälfte aller Befragten (45,2%) bestätigten, nach der Ausbildung mindestens eine Mediation durchgeführt zu haben. Gleichzeitig gab über die Hälfte der Befragten an, die Ausbildungsinhalte außerhalb von Mediationen (52,9%) zu nutzen. Die Inhalte finden bei allen Befragten am häufigsten im beruflichen Alltag außerhalb von Mediationen Anwendung (70%). Keinerlei Verwendung finden sie hingegen nur bei drei Personen (1,9%).

Innerhalb der »praktizierenden« Mediatoren wurde am häufigsten angeben, als externer Mediator (44,3%) tätig zu sein, gefolgt vom internen Mediator (30%). Ein Viertel (25,7%) bestätigte sowohl als interner als auch externer Mediator tätig zu sein. Bei der Untersuchung dieser Ergebnisse konnte ein Zusammenhang mit dem Ausbildungsbeginn festgestellt werden. Demnach wurde jeder zweite Absolvent (56%) als Mediator tätig, der die Ausbildung bis 2012 begonnen hatte. In den Ausbildungsgruppen seit 2013 führte hingegen nur jeder Dritte (31%) eine Mediation durch.

4. Implikationen 


Insgesamt bewerten die Teilnehmer die Ausbildung als äußerst positiv. Ein konkreter Handlungsbedarf lässt sich somit nicht ableiten.

Sollten zukünftig die Teilnehmerzahlen sinken, kann sich ein Blick auf die Teilnehmergruppe lohnen. Derzeit fühlen sich primär Personen mittleren Alters angesprochen, spannende Überlegungen wären also, wie gewinnt man die jüngeren Teilnehmer. Auch ein gezieltes Angebot an Menschen mit Führungsverantwortung könnte die Zielgruppe erweitern. Da mediatives Führen durchaus im Kontext von veränderten Führungsmodellen (z.B. agiles Führen) und veränderten Organisationsformen an Bedeutung gewinnen wird.

Bei insgesamt hoher Zufriedenheit gibt es auf der Ebene der Inhalte deutliche Unterschiede. Hierbei schnitten insbesondere die juristischen und systemischen Themen schlechter ab. Grund hierfür könnte sein, dass es sich primär um theoretisch ergänzende Grundlagen handelt, die nur bedingt in der praktischen Durchführung eingesetzt werden können. Der praktische Nutzen könnte daher stärker herausgearbeitet werden, zumal zukünftig (aufgrund der neuen Rechtsverordnung zur Mediationsausbildung) juristische Inhalte noch stärker vertreten sein werden.

Wie bei der Nachhaltigkeit der Ausbildung sichtbar wurde, wenden die meisten Befragten die Inhalte nicht direkt in Mediationen an. Das häufigste Anwendungsgebiet ist der berufliche Alltag der Teilnehmer. Auch der festgestellte Zusammenhang zwischen „Ausbildungsbeginn“ und „Tätigkeit als Mediator“ kann in diesem Kontext gesehen werden. Somit kann davon ausgegangen werden, dass mediative Kompetenzen zunehmend als Schlüsselqualifikation verstanden und genutzt werden. Es ist daher empfehlenswert, diesen Aspekt in zukünftige Überlegungen zu Mediationsweiterbildungen noch stärker zu integrieren. So kann auch weiterhin die Qualität der Ausbildung ganz im Sinne der Teilnehmer gesichert werden.

Quellen

Bundesverband Mediation (2009): Standards und Ausbildungsrichtlinien für die Lizensierung als Mediatorin BM®/Mediatior BM®, (Stand 2015).

Kirkpatrick, Donald L. (1960): Techniques for Evaluating Trainings Programs, in: Training and Development Journal, June 1979, S. 78-92.


5. Interview


Die Gründer und Inhaber der Freiburger Organisationsberatung »Zweisicht« Christian Bähner und Elke Schwertfeger wurden zu den Ergebnissen der Evaluierung befragt:


Nicole Hartel: Welche Erkenntnisse ergeben sich für Sie aus der Befragung?

Christian Bähner: Wir haben uns sehr gefreut über die hohe Resonanz. Parallel zu dieser Umfrage hatten einige Teilnehmer den Anstoß genutzt und sich persönlich mit uns in Kontakt gesetzt. Es gab spannende und sehr persönliche Rückmeldungen, wie es den Mediatoren heute geht.

Inhaltlich freuen wir uns über den hohen Grad der Zufriedenheit und darüber, dass viele die Inhalte in ihrem Berufsalltag anwenden.

Dass viele Ausgebildeten, nicht als reine Mediatoren arbeiten, war uns bewusst. Das zeichnet sich in den Ausbildungen schon ab, wenn es um die Entwicklung der Praxisfelder geht.

Den Impuls, noch stärker auf die Schlüsselkompetenz »mediative Fähigkeiten« zu setzen werden wir aufnehmen und in unsere Übungen einbinden.

Eher überrascht waren wir mit den Aussagen bezüglich der Zufriedenheit mit speziellen Ausbildungsinhalten: Das steht im Wiederspruch zu den direkten Rückmeldungen nach den Modulen. Vor allem die systemischen Aspekte sind für viele Neuland und erklären plötzlich viele Beobachtungen aus dem Berufsalltag - hier ist die direkte Resonanz sehr positiv. Mit etwas Abstand scheint sich dies zu verändern. Wir können uns vorstellen, dass tatsächlich dann der Alltagsnutzen weniger greifbar wird.

Der Aspekt »Recht in der Mediation« erscheint vielen Teilnehmern stark theoretisch und nicht nahe am Alltag - vor allem in Bezug auf die innerbetriebliche Mediation. Gleichzeitig haben wir in den aktuellen Ausbildungen diesen Schwerpunkt sogar stundenmäßig verstärkt, um den Anforderungen des zertifizierten Mediators und der neuen Rechtsverordnung zu entsprechen. Das bleibt für uns ein Dilemma.

Lars Rotter: Sehen Sie mit Blick auf die Teilnehmergruppe Handlungsbedarf?

Elke Schwertfeger: Die Ausgewogenheit der Geschlechter haben wir durchaus im Blick, gleichzeitig können wir das nur bedingt steuern. Insgesamt sind wir nahe an einer Gleichverteilung. In den Familienmediationsausbildungen ist der Frauenanteil noch stärker. Die Altersverteilung ist nicht untypisch. Viele jüngere Interessenten suchen sich preisgünstigere Anbieter, wie Volkshochschulen. Sie sind noch nicht oder noch nicht so lange im Beruf und ein Arbeitgeber beteiligt sich da vermutlich noch nicht so stark an den Kosten. Bei einigen der »gesettelten« Teilnehmern wird die Ausbildung vom Unternehmen mitgetragen. Wir werden aber auf die jüngere Zielgruppe zukünftig mit etwas veränderten Marketingstrategien stärker zugehen.

 

Autorin

Nicole Hartel

Nicole Hartel

Bachelor of Arts in Pädagogik und Ökonomie. Master of Arts in Pädagogik mit Schwerpunkt Organisationspädagogik. Absolvierte im Jahr 2016 bei Zweisicht im Bereich der Mediation und 2017 bei Lufthansa CityLine im Bereich der Personal- und Organisationsentwicklung ein Praktikum.

E-Mail: nicole.hartel@hotmail.de


Autor

 Lars Rotter

Lars Rotter

Bachelor of Arts in Pädagogik und Politikwissenschaften. Master of Arts in Pädagogik mit Schwerpunkt Organisationspädagogik. Praktikum bei Zweisicht 2016. Assistenz bei systemischen Kulturentwicklungsmaßnahmen bei der Minor-Group.

E-Mail: lars.rotter@gmx.de

 

Evaluierte Akademie: Zweisicht -Freiburger Organisationsberatung mit den Schwerpunkten Konfliktmanagement und Zusammenarbeit (Geschäftsführung Elke Schwertfeger und Christian Bähner).

 

 Elke Schwertfeger - Zweisicht

Elke Schwertfeger

 

Christian Bähner - Zweisicht

Christian Bähner

 

 

 

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