Wurzeln und Flügel (in) der Mediation

Wurzeln und Flügel (in) der Mediation

Herausforderungen der Zukunft

Interview mit Univ.-Prof. Dr. Dr. h. c. Friedrich Glasl

von Jürgen Heim

Univ.-Prof. Dr. Dr. h. c. Friedrich Glasl

Die vielfältigen Herausforderungen von Digitalisierung und Globalisierung, von Klimakrise und sozialen Verschiebungen lassen komplexe Konfliktfelder entstehen. Die Kompetenzen professionell ausgebildeter MediatorInnen und Mediatoren bei der Suche nach Lösungsstrategien und der Bearbeitung von Konfliktlagen sind gefragt. Mehr noch: Auf diese Schlüsselkompetenzen können Führungskräfte in Zukunft nicht mehr verzichten.

Im notwendigen Prozess der Professionalisierung stellt sich daher die Expertenfrage: Welche Wurzeln und Flügeln tragen die Mediation in die Zukunft?

Prof. Dr. Dr. h. c. Friedrich Glasl einer der bekanntesten Konfliktforscher und einer der Pioniere der Mediation in Europa antwortet auf unsere Fragen. Mit seinen Grundlagenwerken hat er wie kein anderer die Konfliktforschung geprägt und wegweisende Methoden für die Praxis der Mediation, aber auch für die Organisationsentwicklung und Friedensforschung entwickelt. Sein Stufenmodell ist Bestandteil jeder Mediationsausbildung.

Jürgen Heim (JH): Herr Prof. Glasl, in Ihrer Keynote-Rede auf dem Ludwigsburger Mediationskongress 2012 hatten Sie auf die Grundsätze wie die Freiwilligkeit, die Beteiligung aller Betroffenen, die Allparteilichkeit der MediatorInnen und die Eigenverantwortung als Wurzeln der Mediation hingewiesen. Sie betonten aber, diese Grundsätze sind essenziell und wichtig, können aber nicht immer in absoluter Reinheit praktiziert werden?

Prof. Glasl: Diese Wurzeln müssen wir in der Tat differenzieren. Beginnen wir mit der Freiwilligkeit - für mich eine Frage der Willigkeit. Hier können im Hintergrund private oder betriebliche Abhängigkeiten, die Angst vor Sanktionen eine Rolle spielen. Beispielsweise in Unternehmen: Der Chef oder Aufsichtsorgane wünschen sich eine Mediation, üben vielleicht sogar Druck aus. Nehme ich dann widerwillig teil, nur um nachteilige Konsequenzen zu vermeiden, erfolgt meine Teilnahme willig, aber nicht freiwillig. Ist dann diese »angeordnete« Mediation zulässig? Ich meine ja, denn es liegt an uns MediatorInnen und Mediatoren, dies zu erkennen und die Willigkeit zu einer wirklichen Bereitschaft und Motivation werden zu lassen.

Der Grundsatz der Teilnahme aller Betroffenen wurde aus dem mikrosozialen Bereich, der Familienmediation heraus generalisiert. Im mesosozialen Bereich von Unternehmen wird die Antwort auf die Frage, wer ist denn nicht Betroffener, schon schwieriger. Auch die Kunden oder sogar die Lieferanten? Wer sind also de facto im Konfliktfall die einflussreichen Protagonisten? Sie müssen nicht immer Macht haben, aber zumindest Verhinderungseinfluss. Im makrosozialen Konfliktfall ist zu fragen, wer konkret am Eskalationsprozess beteiligt war? Zu ermitteln sind nicht die per se interessierten Stakeholder, sondern die tatsächlichen Protagonisten. Hier muss es in der Praxis gelingen, diese Beteiligten langsam - beispielsweise durch Shuttlemediation - zu einer Annäherung zu bewegen. Und doch wird die Umsetzung des im Mikrobereich entwickelten, generalisierte Dogmas nicht immer gelingen. Auf der makrosozialen Ebene einer internationalen Mediation können sich mitunter nicht alle Konfliktbetroffenen am runden Tisch versammeln, wie bei einer Familienmediation.                         

»Wir sollten nicht, was sich mikrosozial bewährt hat,auf meso- und makrosoziale Bereiche übertragen. «

 

Den Begriff der Allparteilichkeit, entstanden aus einer schlechten Übersetzung von »multidirectional partiality«, verwende ich nicht. Ich spreche lieber von einer »allempathischen Haltung«, von »metaparteilich« und von »unparteilich «.

Es bringt überhaupt nichts, mit jeder Partei (all-)parteilich zu sein. Bringen Beteiligte beispielsweise Koalitionspartner hinzu, kann ich mit meiner Allparteilichkeit schnell in die Dynamik der erhofften Kollisionspartner geraten.

Ein Praxisbeispiel für meinen Begriff der »Metaparteilichkeit«: Zwei Konfliktbeteiligte einigen sich zulasten von bisher unbeteiligten und damit abwesenden Dritten. Um die Entstehung neuer Konflikte zu vermeiden, sollte ich als Mediator die Meta-Ebene der Abwesenden einnehmen und fragen, was könnten deren Interessen und Bedürfnisse sein. Denken Sie hier an eine Familienmediation mit einer Einigung zulasten der Kinder oder an die Scham, die bei bisher nicht beteiligten Familienangehörigen aufkommen kann. Diese Konstellation finden wir noch ausgeprägter in den meso- und makrosozialen Bereichen, in denen nicht immer alle Beteiligten anwesend sein können. Dort muss ich die Abwesenden stellvertretend zu Wort kommen lassen. Nicht weil ich allparteilich bin, also nicht parteilich auch noch für Dritte, sondern aufgrund meiner allempathischen Haltung. Dies führe ich nach der Methode »Prolepsis« ein, nehme also einen gewissen Einwand mit der Frage vorweg, ob es sich nicht rächen würde, wenn die Anwesenden die Interessenlage Dritter nicht ernst nehmen. Nur so arbeite ich nach meiner Überzeugung systemtheoretisch korrekt.

Zur Abgrenzung bedeutet Neutralität, entwickelt aus dem Völkerrecht, dass ich die Spielregeln auf alle gleichermaßen anwende - sozusagen die Gleichheit vor dem Gesetz. Die OSCE versteht allerdings Neutralität – abweichend vom Völkerrecht – als Unparteilichkeit.

JH: Sie fordern also nicht die uneingeschränkte Anwendung dieser Grundsätze ein, sondern differenzieren die flexible Umsetzung im jeweiligen systemischen Kontext der mikro-, meso – oder makrosozialen Ebenen? Also kein Dogma dieser Wurzeln, sondern die verbindliche Grundhaltung zur Orientierung?

Prof. Glasl: Richtig. Mit einer streng dogmatischen Anwendung wäre ich zum Scheitern verurteilt. Bei der geringsten Abweichung müsste ich die Mediation abbrechen. Aber meine Klientinnen und Klienten sind an einer Lösung ihres Konflikts interessiert und nicht an methodischen Auslegungsfragen.

Dies betrifft auch die Diskussion über die sogenannte Methodensauberkeit, also »nur keine Anleihen aus anderen Bereichen nehmen.« Eine derartige Ab- oder Ausgrenzung hat die professionelle Mediation nicht nötig. Ich plädiere immer schon für eine Cross-Over-Sicht mit Transparenz und Rollenklarheit: Welche Methoden haben sich in anderen Formaten oder Bereichen bewährt, und wie können sie unter Berücksichtigung der Systemdynamiken im Mediationskontext zur Anwendung kommen. Aus diesem Grunde verwende ich im Rahmen meiner interdisziplinären Arbeit nicht die Bezeichnung Mediandin und Mediand, sondern bezeichne die Beteiligten mit dem Metabegriff als Klientin und Klient.

JH: Ein kleiner Exkurs in den oft geführten Diskussionen um ein weiteres Dogma in der Mediation: »Nur keine Lösungen anbieten.« Können den Beteiligten im Mediationsverfahren Lösungsbeispiele oder Lösungsanregungen behutsam und unverbindlich vorgestellt werden? Insbesondere bei einer stockenden Suche der Parteien?

Prof. Glasl: Ich beziehe mich dazu auf mein Stufenmodell: Mein Kriterium ist in erster Linie, auf welcher Stufe treffe ich die Menschen an, mit denen ich arbeite. Aus der Konfliktpsychologie und den Neurowissenschaften ist bekannt: Ab der Stufe vier sind alle möglichen kreativen Potenziale blockiert und verschüttet. Würde ich hier nicht den geringsten Hinweis auf eine mögliche Lösung andeuten, lasse ich die Beteiligten, oft verzweifelt gefangen in ihren Kreativitätsblockaden, alleine.

Für mich stellt sich also nicht die Frage ob, sondern wie biete ich Lösungsmöglichkeiten an, ohne in die Stellung eines Schiedsrichters zu geraten. Auf keinen Fall - und daran halte ich mich - deute ich nur eine Idee oder ein Lösungsbeispiel an. Varianten kann ich ausloten, kann mit verschiedenen Optionen im Gespräch bleiben und vermeide es so, eine Autoritätsrolle einzunehmen. Die Eigenverantwortung, ein weiterer Grundsatz, bleibt damit bei den Beteiligten. Dazu ein Hinweis aus meiner Praxis: Gerne verwende ich hier Geschichten, manchmal Märchen, setze Metaphern ein oder beziehe mich auf Analogien. Damit unterstütze ich die Beteiligten, den Zugang zu ihren kreativen Ressourcen, zu ihrer Selbststeuerung zu finden.

JH: Ihr Phasen- und Stufenmodell der Konflikteskalation ist Standard und Basis jeder Mediationsausbildung. Gibt es 40 Jahre nach Entwicklung dieser Stufen neue Schwerpunkte oder Aspekte für die komplexen Herausforderungen der Digitalisierung?

...


(Die Antwort auf diese und weitere Fragen lesen Sie in der Ausgabe SdM 78 von Spektrum der Mediation und in Teil 2 dieses Interviews im kommenden Monat.)


 Prof. Dr. Dr. Friedrich Glasl

Univ-Prof. Dr. Dr. h. c. Friedrich Glasl

Politikwissenschaften, Psychologie, 1967 – 1985 Consultant am NPI-Institut für OE (NL), Mitbegründer der »Trigon Entwicklungsberatung «. OE-Berater, Mediator BM. Lehrbücher, Lehrfilme. Sokrates-Mediationspreis, DACH-Mediationspreis, AFI Life Achievement Award.

 

 

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