Wurzeln und Flügel (in) der Mediation - Editorial

Aus Wissenschaft und Praxis
Wurzeln und Flügel (in) der Mediation - Editorial

Die Zukunft der Mediation

von Jürgen Heim (Chefredakteur)

Jürgen Heim

Liebe Leserinnen und Leser,

am Ende eines ereignisreichen Jahres stellt sich die berechtigte Frage: Was sind unsere Wurzeln und Flügel in der Zukunft?

Mediation hat sich von den mikrosozialen Ebenen der Familien- und Trennungsmediation weiterentwickelt und tritt heute in allen wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bereichen für eine Kultur der konstruktiven Konfliktbearbeitung ein. Wir MediatorInnen und Mediatoren unterstützen die gemeinsame Suche nach Lösungen mit unserer professionellen Expertise, mit den Prinzipien und Grundsätzen unserer mediativen Haltung. Diese Wurzeln tragen uns und unsere Arbeit.

Doch es bedarf mehr angesichts des verstörenden Verbrechens in Halle und der vielen Vorfälle von Rassismus, Antisemitismus und Gewalt, die unsere offene Gesellschaft infrage stellen. Mediation muss (nicht nur interkulturell) für eine offene Gesellschaft eintreten. Es liegt an uns Mediatorinnen und Mediatoren, Sachthemen und Ideologien zu trennen, Position zu beziehen gegen diese Polarisierungen. In diesem Punkt sind wir dann eben nicht neutral und allparteilich.

Wir können Kommunikation und arbeiten mit ihr. Unterstützen wir daher mit unseren mediativen Kompetenzen die kritische Auseinandersetzung, den respektvollen Diskurs und die liberale Streitkultur in unserer Gesellschaft. Mit dieser Haltung wachsen Flügel, die uns alle tragen.

Einen Lichtblick dazu finden Sie im Beitrag »Wenn die schwarzen Schwäne kommen« von Prof. Dr. Andreas Zick und Kurt Faller: das erfolgreiche Zusammenspiel von universitärem Wissen der Konflikt- und Radikalisierungsforschung und der mediativen Umsetzung in kommunalen, hoch eskalierten Konfliktlagen wie in Halle, Chemnitz oder Köln (S. 7).

Wer kennt sie nicht, die Stufen der Eskalation unseres Heftpaten Univ.-Prof. Dr. Dr. h. c. Friedrich Glasl? Auf seinem Modell basiert jede Mediationsausbildung. Seine Metaphern von Wurzeln und Flügeln verbindet er mit dem Plädoyer für Achtsamkeit und Empathie (S. 10). Auf die Fragen nach den neuen Herausforderungen komplexer Konfliktfelder im Kontext von Klimakrise, Digitalisierung und Globalisierung antwortet er mit seiner profunden Expertise. (Interview S. 11)

Dialektisch betrachtet Dr. Birgit Keydel die »Big Five«, die fünf Grundsätze als zentralen, konstanten Kern jeder Mediationstätigkeit, mit ihrer Frage: »Können Wurzeln fliegen?« (S. 15). Den besonderen Wert der konsensualen Kompetenz unterstreicht Dr. Raimund Schwendner: Diese Fähigkeit ist für ihn essenzielle Basis seines Denkens und Tuns, also die Wurzel seines Seins (S. 18).

Eine gelingende Reflexion, Präsenz und Intuition empfiehlt Dr. Harald Pühl als Wurzeln und Flügel der Beraterkunst (S. 21). Für Kinder, Eltern und Schulen hat Dr. Christa Schäfer ein hilfreiches Multi-Tool entwickelt, das mediative Unterstützung in Konflikten (nicht nur) aus dem digitalen Umfeld bietet (S. 24).

Einer der bekanntesten Entwicklungspsychologen, Prof. Dr. Leo Montada, erklärt in seinem Beitrag soziale Konflikte nicht nur mit der Unvereinbarkeit von Positionen (S. 27). Erst der Blick auf das Spektrum der Emotionen und Motive öffnet wie ein Schlüssel die Tore für mögliche Lösungen.

Erfahrungsberichte über die Entwicklung von Konfliktmanagementsystemen beim Weltkonzern Siemens (Clemens Huchel, S. 30), Kontaktprozesse in der Mediation (Anita Gerstmeier, S. 38) und eine Digitale Lehrambulanz junger MediatorInnen (Laura Best und Nora Cherki, S. 46) finden Sie im Praxisteil.

Dr. Hanns-Uwe Richter und Anne Städtler widmen sich den Konfliktkonstellationen der Generationen X, Y und Z in Unternehmen (S. 34); die Expertin für Supervision Carla van Kaldenkerken fordert einen kritischen Diskurs mit den Vorgaben zur Ausbildungssupervision (S. 42) und Prof. Dr. Raymond Voltz berichtet mit Kathleen Boström über die Erfolge von Mediation in der Palliativ- und Hospizarbeit (S. 49).

Mein Resümee? Vergessen wir unsere Wurzeln nicht: unsere Geschichte, unsere Haltung, unsere Prinzipien und unser Ethos. Treten wir dafür immer entschlossen und mutig ein. Diese Flügel tragen uns.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen schöne Weihnachtstage und ein erfolgreiches, glückliches Neues Jahr 2020.

Ihr Jürgen Heim

Chefredakteur


(Editorial der SdM 78 Spektrum der Mediation - erschienen im Dezember 2019)