Zoff-Off in Kiez und Kirche

Mediation in der Praxis
Zoff-Off in Kiez und Kirche

von Monika Herrmann

Pfarrer Jörg Machel
Die evangelische Emmaus-Gemeinde in Berlin-Kreuzberg will die Menschen mit einem Mediationsprojekt unterstützen

Kneipen und Cafés gibt es im Berliner Stadtteil Kreuzberg mehr als genug. An jeder Ecke sitzen die Menschen zusammen, reden, lernen sich kennen, planen politische Aktionen oder feiern einfach. Mittendrin das Weltcafé. Ein ganz besonderes, weil es in der evangelischen Emmaus-Kirche integriert ist. Fair gehandelten Kaffee gibt es hier, Kleinigkeiten zu essen. Die meisten Café-Besucher wohnen im Kiez, andere sind Touristen.

»Hier finden Sie immer Leute, die miteinander reden«, erzählt Jörg Machel. Miteinander reden – das ist dem Pfarrer wichtig. Machel ist nicht nur Theologe, sondern auch so etwas wie ein professioneller Konfliktlöser. Manche würden sagen: Streitschlichter. An der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt/Oder hat er dafür ein Masterstudium absolviert. Die Ausbildung zum Mediator gehört für ihn zur Seelsorge. »Als Kirche haben wir ja die Aufgabe, Frieden zu stiften«, sagt er. »Und als Pfarrer bin ich mitten drin in den nicht immer friedlich ausgehenden Problemen hier im Kiez«, erzählt er.

Mediation heißt Machels friedenstiftende Arbeit und die ist inzwischen weit über den Kiez hinaus bekannt. Er wird angefragt, wenn Probleme gelöst werden müssen oder sich nicht mehr lösen lassen. Der Pfarrer weiß, wie das geht. Beispiel: Wenn jedes Jahr am 1. Mai Autonome und Polizei in Kreuzberg in Auseinandersetzungen verstrickt sind, wenn manchmal Steine fliegen und Tränengas gesprüht wird, dann versucht er zu vermitteln, lädt am Tag danach ins Weltcafé ein, bringt Polizei und Steinewerfer zum Reden.

Auch mit Journalisten redet der Pfarrer am liebsten im Weltcafé. Durch die hohen Fensterscheiben schaut er hinaus auf den Lausitzer Platz, auf seinen Kiez, indem er selbst mit seiner Familie lebt. Dann erzählt der Pfarrer von »ZOFF-OFF«. Zwei Container will er zusammenfügen zu einem Raum, in dem sich Menschen, Familien, kirchliche Mitarbeiter oder auch Gemeindegruppen richtig zoffen können. Ein offenes Anbot für Menschen, die an ihren zerrissenen Situationen verzweifeln und etwas ändern wollen. Und zwar durch professionelle Hilfe. »Mediation kann helfen«, davon ist der Pfarrer überzeugt. »Es wird einen Extra-Zugang geben, um auch kirchenferne Menschen für das Angebot zu interessieren«, sagt der Pfarrer und denkt dabei natürlich auch an Muslime, die in diesem Teil Kreuzbergs rund die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Am liebsten wäre dem Pfarrer dabei eine Kooperation mit den umliegenden Moschee-Gemeinden.

Richtig loslegen will Machel im kommenden Frühjahr. »Notfalls erst mal in den vorhandenen Kirchenräumen bis die Container montiert sind«. Ausgebildete Mediatoren, von denen es gerade in Berlin sehr viele gibt, haben bereits ihre Unterstützung für das Projekt zugesagt. Und was kostet so eine friedensstiftende Maßnahme? Machel hat auch dafür schon viele Ideen. Er weiß, dass die Menschen im Kiez von Hartz IV-Leistungen leben und keine Geld für eine Mediation haben. Also setzt er auf Sponsoren, Spenden und Zuschüsse von der Kirche. »Schließlich kann die Kirche so Zeichen setzen, wofür sie steht«.

Immer wieder kommen an diesem Vormittag Leute ins Café. Manche gehen zum Yoga, das auch in der großen umgebauten Kirche angeboten wird, andere ins Internetcafé oder in den Weltladen. Die fusionierte Emmaus-Ölberg-Gemeinde ist eben nicht nur für die kirchentreuen Mitglieder da, sondern für die Menschen rund um den Kirchturm. Für Machel und seine haupt- und ehrenamtlichen MitarbeiterInnen spielt die Religionszugehörigkeit eigentlich keine Rolle. Landeskirchliche Reformprogramme sind ihm nicht so wichtig. »Wir denken uns die Reformen selber aus, weil wir auf die Probleme der Menschen reagieren, die hier leben.«

Wenn der 61-Jährige mit dem Fahrrad durch Kreuzberg fährt, sieht er die Probleme, erlebt er in seiner Nachbarschaft mit, dass Menschen aus ihren Wohnungen vertrieben werden, weil sie die überhöhten Mieten nicht mehr bezahlen können. Machel will in seinem ZOFF-OFF-Projekt daher auch Vermieter und Mieter miteinander ins Gespräch bringen. Wichtig sei, dass man sich gegenseitig zuhört, die Argumente des anderen wahrnimmt und so vielleicht zu neuen Strategien gelangt und möglicherweise zu einem anderen Denken.

Monika Herrmann, freie Journalistin im Bereich Sozialpolitik

Kontakt: monika.herrmann@city-centre-offices.de

 

Quelle: Publik-Forum, kritisch – christlich – unabhängig, Oberursel, Ausgabe 21/2013

 

Kontakt Jörg Machel: joerg.machel@emmaus.de