Die Zukunft von Mediation und Beratung in der Wirtschaft

Verantwortung
Die Zukunft von Mediation und Beratung in der Wirtschaft

Soziale Nachhaltigkeit und schonende Nutzung unserer Ressourcen

von Univ. Prof. Dr. Rudolf Wimmer

Prof. Dr. Rudi Wimmer bei der GRUNDIG AKADEMIE in Nürnberg

Wie sich der Klimawandel in anderen Teilen der Welt ausprägt, ist auch für die deutsche Wirtschaft relevant. So haben deutsche Unternehmen in den letzten Jahrzehnten immer größere Teile ihrer Wertschöpfungskette an Zulieferer in andere Ländern ausgelagert und ihre Beschaffungslogistik zeit-, lager- und kosteneffizient optimiert. Fällt ein Teil der Lieferkette im Geflecht der globalen Wertschöpfung durch klimabedingte Störungen aus, kann dies weitreichende Folgen haben. Auch die Zusammenhänge zwischen der Verbrennung fossiler Rohstoffe und dem ökonomischen Handeln von Menschen, Firmen und Staaten sind komplex.

Wir befinden wir uns auf dem Weg in die »nächste Gesellschaft«. Damit verbunden sind Strukturwandel in vielen Bereichen, deren Richtungen zwar noch nicht abschließend festliegen, die aber zu deutlich wahrnehmbaren Verunsicherungen führen.

 Muss sich das Verständnis von Führung und Management auch auf diese Komplexität ausrichten?

 

1. Ausgangsbestimmung

Die Verwendung des Begriffs »next society« liegt nahe: Die Umschreibungen »Industrie 4.0« oder »Wirtschaft 4.0« kennzeichnen einen industriellen Übergang in die Produktions- und Handelsprozesse der »nächsten Gesellschaft«, der zu starken gesellschaftlichen Veränderungen führen wird.

Medien mit ihren reichweitenstarken Verbreitungs- und Veröffentlichungsmöglichkeiten und ihren veränderten Kommunikationswegen treiben diese Entwicklung unverändert an. Sie versetzten unsere Gesellschaft seit Jahrhunderten in die Lage, sogenannte Funktionssysteme zu verselbständigen und aus anderen Kontexten herauszulösen - z. B. die Wissenschaftssysteme und ihre Wissensbestände aus dem Klammergriff der Religion oder die (privaten) Wirtschaftssysteme und ihre Produktionsabläufe aus den tradierten Feudalstrukturen.

Die Leistungen dieser Funktionssysteme werden nicht durch sie selbst erbracht, sondern durch unterschiedliche Organisationen; so zum Beispiel im Gesundheitswesen arbeitsteilig durch spezialisierte Gesundheitsorganisationen.

Kennzeichnend für unsere moderne Gesellschaft war bisher, dass die einzelnen Systeme - ausgerichtet nach ihrer Funktionalität - differenziert agierten.  Klar war auch die bisherige Rolle von Organisationen in den übergeordneten Systemen wie der Wirtschaft, Politik, Wissenschaft etc.

Heute nimmt die Komplexität der arbeitsteiligen Strukturierung ständig zu und eine Vielzahl von weiteren Problemen entsteht »kollateral« als Begleiterscheinung.

Ohne Zweifel erleben wir die ersten Anzeichen struktureller Änderungen für einen möglichen Formwechsel auf gesamtgesellschaftlicher Ebene.

2. Formwechsel

Zeitliche und räumliche Schranken werden durch den Prozess der Globalisierung mehr und mehr aufgehoben. Wir erleben das Zusammenwachsen zu einer Weltgesellschaft und die damit verbundenen Spannungen. Diese Weiterentwicklung von lokalen zu globalen Funktionssystemen innerhalb nur einer Generation ist in den wirtschaftlichen oder wissenschaftlichen Bereichen besonders gut zu beobachten.

Einer der zentralen Treiber dieser Entwicklung ist die enorme Qualität und Reichweite neuer Verbreitungsmedien und ihrer computerbasierten Kommunikationsmöglichkeiten. Der schnell voranschreitende Prozess der Digitalisierung führt zu tiefgreifenden Transformationswirkungen in unserer Gesellschaft.

Gleichzeitig resultieren aus der Globalisierung unübersehbar tiefgreifende ökologische Gefährdungen unserer Lebensgrundlagenslagen. Wir müssen erkennen, dass unsere hochentwickelte Gesellschaft trotz dieses immensen Wissens immer noch nicht in der Lage ist, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Unter diesem Aspekt wächst das Erfordernis, unser Wachstum – derzeit noch zentrale Grundlage unserer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik - neu zu definieren und handlungsorientierte Lösungspotentiale zu entwickeln.

Angesichts dieser Entwicklungen werden Lösungsansätze, die über verschiedene Funktionssysteme hinweg ineinandergreifen, immer dringlicher. Um diese Ziele zu errreichen, bedarf es in der Folge auch einer veränderten Funktion von Organisationen in diesen Prozessen. Weg von einem rein funktional begrenzten Agieren hin zu einem verstärkten Miteinander von netzwerkförmigen Strukturen der Organisationsformen im herkömmlichen Sinne. Dies stärkt und unterstützt die dringend erforderliche Leistungsfähigkeit.

Wir müssen also die Bereiche Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Umwelt, Gesundheit etc. und ihr Verhältnis zueinander neu überdenken.

3. Neubestimmung

Auf der Makroebene der Wirtschaftssysteme haben wir in jüngster Vergangenheit die Gefahren einer globalen Wirtschaftskrise erlebt. Hier besteht die Notwendigkeit, globale Koordinationsmechanismen zu stärken, um systemische Risiken des Finanzsystems einzudämmen.

Folgerichtig ist die Wiederherstellung eines »gesunden« Verhältnisses von Finanz- und Realwirtschaft zu fordern. Es müssen dezidiert tragfähige Spielregeln für die internationale, wirtschaftliche Verflechtung aufgestellt werden, die den neuen Gewichten auf globaler Ebene Rechnung tragen. So kann beispielsweise eine regulatorische staatliche Steuerpolitik die destruktiven Seiten eines Standortwettbewerbs disziplinieren.

Zu welchen Konsequenzen führt dies nun für das Funktionsverständnis von Organisationen (Unternehmen, öffentliche Verwaltung, Krankenhäuser, Universitäten etc.)?

4. Konsequenzen

Als Konsequenz dieser Veränderungen sind Sinn und Zweck von Unternehmen neu zu überdenken. Wir müssen uns von der Idee einer reinen Gewinnoptimierungsmaschine verabschieden. Vielmehr ist der eigene Verantwortungshorizont des Unternehmens im Sinne eines breiteren Verständnisses von Wertschöpfung zu stärken und zu erweitern.

Die Forderung lautet: Weg von einer reinen Gewinnmaximierung hin zur Beachtung des Gedankens der sozialen Nachhaltigkeit im globalen Kontext und ein neuer Umgang mit Wachstumsanforderungen und der Nutzung von Ressourcen. Diese strategische Neupositionierung führt auch in der staatlichen Verwaltung zu einer neuen Richtung der konsequenten Wirkungsorientierung.

 

  • Was sind die wesentlichen Schlussfolgerungen für die Gestaltung von Organisation, Führung und Management?
  • Welche Folgen sind für BeraterInne und Wirtschaftsmediatorinnen besonders relevant?
  • Wo liegen hier zukünftig die Chancen für Beratung und Mediation?


Die Antworten auf diese Fragen lesen Sie in Teil 2 dieses Beitrags.

 

Autor

Univ.-Prof. Dr. Rudolf Wimmer

Mitgründer und Gesellschafter der osb Wien Consulting GmbH, Professor für Führung und Organisation am Wittener Institut für Familienunternehmen an der Universität Witten/Herdecke sowie einer der Gründer des Managementzentrums Witten.


 

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